Moralische Sonnenfinsternis
Mission accomplished: Die Medien titeln «Skandal», Tierschützer protestieren, Twitter läuft heiß, Kritiker und Theatermacherinnen strömen nach Dortmund, und Intendant Kay Voges distanziert sich rollengemäß «verärgert» von den wilden Aktivisten, die angekündigt haben, das putzige Jaguarbaby Raja im örtlichen Zoo umzulegen.
Level 2 stellt die deutlich größere Herausforderung dar: Die professionell akquirierte Aufmerksamkeit muss gelenkt werden, weg von «diesem Vieh» (dem im Übrigen kein Schnurrhärchen gekrümmt wird), hin zum großen gesellschaftlichen Versagen im Jahre 2015 und zu dessen gravierenden Folgen für die Zukunft. Noch wach? Genau, das ist das Problem. Ein, zwei humanistisch-engagierte Schlagworte, und wir schalten ab. Wie soll man Menschen aufrütteln, die längst wissen, dass sie in Europa auf Kosten ganzer Kontinente leben, die gelernt haben, Nachrichten von Kriegen, von Genoziden zu konsumieren, ohne zu verzweifeln, ohne zu handeln? Das «Zentrum für Politische Schönheit» (ZPS) um Aktionskünstler Philipp Ruch entscheidet sich diesmal für das inszenierte Scheitern an eben dieser Aufgabe – in einem düster-komischen Science-Fiction-Szenario.
Vier resigniert routinierte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2015
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Cornelia Fiedler
Empathie kann so ein Quälkram sein, vor allem, wenn Künstler sie für andere inszenieren. Da gibt es zum Beispiel eine Unterführung am Ende der Münchner Maximilianstraße, die ihrer ursprünglichen Funktion nach so sinnlos ist, dass man sie bereits kurz nach Fertigstellung 1969 der Kunst übergab. Jeder normale Fußgänger geht hier nämlich oberirdisch über den...
Mangelnde Selbstreflexion wird Gemma, Lina, Minna und Sibylle Bergs Ich-Erzählerin niemand vorwerfen können. Die streetwise Girlsgang ist Anfang 20, diskursfit durchtrainiert, ausgesprochen formulierungsfreudig und denkt über sich und ihre aktuellen Liebesdesaster, Figurprobleme, Darstellungs- und Selbstdarstellungsvolten sowie alle weiteren vollgegenderten...
Wie schön sich der Muezzin anhört, der aus dem weißen Grab aus Laken singt. Eine ferne Erinnerung für Ramie (Patrick Berg), der in der syrischen Stadt Homs einst für Demokratie kämpfte und es nun über das Mittelmeer geschafft hat, gelben deutschen Käse isst und von Kardamomkaffee und seinen toten Freunden träumt.
«The Trip» von Anis Hamdoun ist eine ergreifende...
