Missbrauchte Floskeln
Ein Stück für Musik, nicht mit Musik, nennt sich Händl Klaus’ neuestes Werk «Gabe/Gift». Ein Stück für Sprachmusik. Händl Klaus, der Spezialist für das absichtsvoll Unheimliche unter den gegenwärtigen deutschen Theaterautoren, ist auch ein Sprachtüftler. Er erfindet eine Familiensprache – kein Dialog, ein gemeinsamer Monolog mit verteilten Silben. Eine Replik ist hier keine Antwort, sondern die Fortspinnung eines Satzteils mit umgebogenem oder gegensätzlichem Sinn. Mutter Lore: «Wehr dich» / Sohn Bert: «nicht» / Vater Otto: «da ich dich liebe. Es ist wahr.
» Eine streng sequenzierte Sprachmusik, Klangfarbenmelodie statt propositionaler Mitteilung.
Das ist dennoch keine absolute Musik. Es gibt noch etwas, das bezeichnet wird: Eine Geschichte wird erzählt, aber völlig verrätselt. Eine Kriminalgeschichte mit losen Handlungsfäden. Bedeutungsschwer, bedeutungsleer, polysemantisch. Eine Polizistenfamilie baut einen Kellerraum zum «Erfrischungsraum» um. Dabei werden inzestuöse Verwicklungen und Mordpläne angedeutet, doch alle Konfliktspuren werden sofort wieder verwischt. Der Mann eines zufällig vorbeikommenden Paares entpuppt sich auch als Polizist, sie haben eine Schatzkarte dabei, und ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Gerhard Preußer
«Licht und Finsternis», das heißt in Lars-Ole Walburgs Inszenierung von gleich zwei Tolstoi-Texten an einem Abend ganz pragmatisch oben und unten. Denn Walburg spielt das Drama «Die Macht der Finsternis» und das Fragment «Und das Licht leuchtet in der Finsternis» nicht nacheinander, sondern bringt die Geschichte um einen gut situierten Systemaussteiger und eine...
«Willkommen hier auf unsrer Insel, die nur zu ihrem Spaß besteht», begrüßen zwei einheimische Animateure, à la Lady Gaga gekleidet, die europäischen Touristen. Eigentlich hätte die Reise für das zerstrittene Lehrerpaar Karl und Karla (Marietta Meguid und Jens Winterstein) ein Urlaub in sonniger Südseeidylle werden sollen. Doch weit gefehlt: «Kein Shoppingcenter,...
Monsieur Martin weiß es: Zur Sünde wird Genuss erst durch die Reue. Deshalb erfindet er seinen Preis: «Le Prix Martin», die pure Rache, gekleidet ins Gewand einer literarischen Auszeichnung. An der Académie française will er den Preis ausgelobt wissen, für die erfindungsreichste Abhandlung zum Thema «Über die Infamie, mit der Gattin des besten Freundes...
