Malen nach Zahlen
Der Inhalt von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück «Das fliegende Kind» lässt sich in einem Satz nacherzählen: Es war einmal ein Mann, der hat seinen Sohn überfahren.
Im Zentrum des Dramas steht also eine Katastrophe, die so ziemlich den schlimmsten Alptraum von Eltern darstellt. Es ist eine alltägliche, vollkommen sinnlose Katastrophe. Niemand hat – im moralischen Sinn – Schuld am Tod des Kindes, er ist einfach nur das Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Zufälle.
Drum herum knüpft Schimmelpfennig ein enges Netz aus Erzählsträngen, Zeitsprüngen und Perspektivwechseln.
Das Stück spielt an einem 11. November in und um eine Kirche herum, während des Gottesdienstes zu Ehren des Heiligen Martin und des anschließenden Laternenumzugs der Kinder. Eines der Kinder, das spätere Opfer, hat ein Matchboxauto in der Hand, das es auf der Straße gefunden hat. Kenner von Schimmelpfennigs Dramaturgie kombinieren: Dieses Matchboxauto wird noch eine Rolle spielen.
Auch die Eltern des Buben sind anwesend – mit ihren Gedanken aber beide woanders: Die Mutter hat eine Affäre mit dem Vater eines anderen Kindes; die beiden Liebhaber schleichen sich während der Messe kurz vor die Kirche, um heimliche ...
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Theater heute April 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Wolfgang Kralicek
Was für eine nette Gesellschaft: kein einziger guter Mensch. Während der alte Familienpatriarch, seit Jahren ein Spieler und Säufer, im Nebenzimmer verröchelt, entbrennt vorn im Salon der Kampf ums Erbe. Dabei ist jedes Mittel recht. Es wird gedroht und intrigiert, bestochen, betrogen, erpresst, spioniert, gefälscht, eingeschüchtert und am Ende sogar gemordet....
Als Autor und Regisseur habe ich das Privileg, für meine Arbeiten viele Monate, manchmal sogar Jahre zu recherchieren. Ich arbeite mich an verschiedenen Punkten gesellschaftlicher Erfahrungssedimente ab. Es handelt sich bei diesen Arbeiten um den Versuch einer Tiefenbohrung, bei der ich die Treibsätze von bestimmten Ereignissen, ihre historischen, privaten und...
Wenn vom 19. Mai bis zum 9. Juni in Mülheim das Best of deutscher Dramatik in seine
37. Runde geht, wird man tiefe Einblicke in die Keimzelle der Gesellschaft nehmen können:
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