Unter Geiern
Was für eine nette Gesellschaft: kein einziger guter Mensch. Während der alte Familienpatriarch, seit Jahren ein Spieler und Säufer, im Nebenzimmer verröchelt, entbrennt vorn im Salon der Kampf ums Erbe. Dabei ist jedes Mittel recht. Es wird gedroht und intrigiert, bestochen, betrogen, erpresst, spioniert, gefälscht, eingeschüchtert und am Ende sogar gemordet. Alles nur wegen einer lumpigen Firma, die man heute ein mittelständisches Unternehmen nennen würde – eine kleine Wolga-Reederei, bessere Binnenschiffer.
Gorkis «Wassa Shelesnowa» in der ersten, noch von keiner revolutionären Hoffnung erlösten Fassung von 1910 ist kein Stück von Anton Tschechow. Keine alternden Diven, die sich vor jüngeren Geliebten oder Gläubigern fürchten müssen, keine ermüdeten Landadeligen, die in bankrotter Grandezza den Zug der Zeit verpasst haben und von zupackenden Lopachins weggefegt werden. Stattdessen diese Lopachins selbst, und zwar nach ihrem ersten räudigen Siegeszug. Zähe Kaufleute, die sich ein wackeliges Vermögen erwirtschaftet haben und es mit Zähnen und Klauen verteidigen: der Wohlstand in seiner beständig bedrohten, gemeinsten Blüte.
Die eisernste Interessenwahrerin ist Wassa Shelesnowa, ...
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Theater heute April 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Gleich in der ersten HAU-Saison fing ich an, dort zu arbeiten. Matthias Lilienthal hatte «MIR – a Love Story» gesehen und traf mich auf einen Kaffee. Er hatte eine Idee, als er hörte, dass ich informell Kinder zumeist arabischer Herkunft in Neukölln unterrichtete, und wollte, dass ich daraus eine Inszenierung mache.
Es wurde die allererste Auftragsarbeit für meine...
Als Autor und Regisseur habe ich das Privileg, für meine Arbeiten viele Monate, manchmal sogar Jahre zu recherchieren. Ich arbeite mich an verschiedenen Punkten gesellschaftlicher Erfahrungssedimente ab. Es handelt sich bei diesen Arbeiten um den Versuch einer Tiefenbohrung, bei der ich die Treibsätze von bestimmten Ereignissen, ihre historischen, privaten und...
In unserer Zeit wäre Ibsens John Gabriel Borkman fein raus. Eine Bank ruinieren und ein paar hundert Kleinanleger um ihr Erspartes bringen gilt mittlerweile höchstens als Kavaliersdelikt. 1896, als Henrik Ibsen sein vorletztes Stück verfasste, waren Rettungsschirme für marode Geldinstitute noch nicht erfunden und ein Bankrotteur haftete mit seinem persönlichen...
