Lotte Kotte lebt hier nicht mehr
Lotte Kotte ist eine traurige Heldin, die vor vielen Jahren von Botho Strauß auf den Weg durch die Vorhölle bundesrepublikanisch-bürgerlicher Wohlstandsverwahrlosung geschickt wurde. Sie – und mit ihr eine ganze Generation kritischer Theatermacher – fand nicht viel Gutes, Wahres, Schönes zwischen Remscheid und Essen. Der bürgerlich verfassten Gesellschaft wurde in geistiger wie in politischer Hinsicht nicht viel zugetraut, im Gegenteil: Vor allem die Überwindung bürgerlicher Paradigmen schien erstrebenswert in jenen Jahren.
Heute, mehr als dreißig Jahre später, fragt das Stadttheater besorgt nach seiner Bedeutung in einer nicht mehr homogenen bürgerlichen Gesellschaft. Es betrauert plötzlich den Verlust eben jener bürgerlichen Tugenden, die es einst bekämpfte und denen es zugleich als Institution seine Existenz verdankt, und sucht nun nach seiner Funktion in der Stadtgesellschaft jenseits eines für alle verbindlichen Bildungskanons. Die Erosion bürgerlicher Verhältnisse, einst Ziel unzähliger ästhetischer und theatraler Programme, hinterlässt nicht Freiheit und Selbstgewissheit, sondern Unsicherheit und offene Fragen.
Raus ging das Theater immer schon. Doch ging das Theater einst ...
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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Debatte, Seite 45
von Anselm Weber, Sabine Reich, Thomas Laue
Das Theater und sein Publikum haben ihr Verhältnis bis dato über Komplementarität stabilisiert: Der Schauspieler spielt, der Zuschauer schaut. Jetzt scheinen wir in eine Phase einzutreten, die auf Homogenität als stabilisierenden Faktor setzt: Wir da oben und ihr da unten sind gleich; wir sprechen die gleiche Sprache, erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten –...
Fast ist es schon ein neues Genre, zumindest aber eine Erfolgsstory: das Stadtprojekt. Jedes deutsche Stadttheater, das etwas auf sich hält, machte sich in den letzten Jahren daran, die eigene Kommune und dabei besonders gern den Problem-Kiez unter die Lupe zu nehmen und auf schlummerndes dramatisches Potenzial hin abzuklopfen. Das bringt Bewegung ins...
Man konnte wirklich leicht auf den Bluff reinfallen, so routiniert herzlich klang im Vorwort zu ihrem Stück «Der große Blöff/Entfernte Kusinen» der Danksagungston Felicia Zellers an ihre «Kusine Deborah Schnabel, die mir im Sommer 2006 die Aufzeichnungen zum Großen Blöff so freimütig überlassen hat»: auf «dreizehn beidseitig beschrifteten Zetteln» ein Dramenentwurf...
