Liebe TINA, es geht dir gut!
Früher war es einfach selbstverständlich, gegen den Kapitalismus zu sein. Was müssen das für Menschen sein, die allen Ernstes Spaß daran haben, Geld zu machen, dachte man. Das war so absurd, wie den FC Bayern München zu unterstützen. Ich erinnere mich noch, es war Ende der 90er, als ich mit ein paar Freunden in einem Berliner Café saß und eine Ausgabe der Zeitschrift «Brand eins» durch das Etablissement flatterte. «Schau einer an», sagte einer: «Nun ist es so weit: Das ist die erste Hipster-Zeitschrift, die dezidiert pro-kapitalistisch ist.» Und so war es.
Ein paar Jahre später war die «Jungle World» die einzige Hipster-Zeitung, die noch dezidiert anti-kapitalistisch war. Und auch die hatte langsam andere Präferenzen.
Man war zwar nicht gerade einsam als Anti-Kapitalist, aber die Reihen lichteten sich doch beständig während der TINA-Jahre. Die TINA-Formel – There Is No Alternative –, meistens Maggie Thatcher zugeschrieben, wurde ab circa 1991 zum offiziellen Mantra der Posthistoire, die angeblich mit dem Ende der Systemkonkurrenz begonnen hatte. Meistens wurde dieses TINA-Gefühl der Posthistoire als halb panisches, halb begeistertes Paradox vorgetragen: Jetzt ist alles möglich, denn ...
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Theater heute Dezember 2008
Rubrik: Finanzmarkt Spezial, Seite 6
von Diedrich Diederichsen
Dieser Monolog hat ja eine eigenartige soghafte Qualität. Ein Rausch der Brutalität, gehetzt, sprachlich verdichtet und zur mystischen Selbstauflösung überhöht. «Juli» von Iwan Wyrypajew (1974 in Ostsibirien geboren) spielt in naher Zukunft, im Jahr 2013 in der Irrenanstalt von Smolensk. Und es spielt in unseren Tagen; denn der dannzumal 63-jährige Ich-Erzähler...
Die derzeitige Krise des Kapitalismus wird – fürchte ich – keine kathartische Wirkung haben, keine Besinnung auf neue Werte oder politische Utopien nach sich ziehen. Da können Theologen prophezeien, dass die Tage der egomanen Geldgier gezählt sind, Feuilletonisten zur Kontrolle der Weltwirtschaftsregeln aufrufen, die Theater Stücke auf den Spielplan rufen, die...
Im strahlenden Sonnenschein eilt Katie Mitchell zum Treffpunkt National Theatre Bühneneingang. Etwas zu spät wegen dringender Bankgeschäfte – das Wort Island fällt –, etwas in Eile, weil sie in ein paar Stunden der Presse ihr frischgeschriebenes Buch «The Director’s Craft» vorstellen wird. In ihrem Rucksack schwere Wälzer anderer Natur: Sie recherchiere gerade zwei...
