Kurzschlüsse und Melancholie
Kinderlosigkeit führt heute zu allem Möglichen, zu weiblichen Karriereplänen, demographischen Debatten, künstlichen Befruchtungen, Leihmüttern, aber nicht zu Mord. Hauptmanns «Ratten» aktualisieren zu wollen, wäre absurd. Zur Gegenwart aber gehört die selbstreferentielle Struktur dieses Dramas: wie es sich auf sich selbst beziehen muss, wenn es über die Gesellschaft reden will. Und das Beste an diesem monströsen Werk ist: dass es mit Humor und Selbstironie über sich spricht.
David Böschs Bochumer Inszenierung vergnügt sich und uns mit dieser humoristischen Seite, der Schauspielerkomödie. Der Abend beginnt damit, dass der Darsteller des zur Kunstreligion konvertierten Theologiestudenten Spitta (Matthias Eberle) vor den Vorhang tritt und erklärt, warum er Theater mache. Was folgt, ist nur ein Zitat von Max Reinhardt: «Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters.» Mit großer Geste erklärt er seinem Schauspiellehrer Hassenreuter (Manfred Böll) sein ästhetisches Programm: die Liste der Bochumer Intendanten seit Saladin Schmitt. Prompt rieselt der Kalk aus dem abbruchreifen Gemäuer. Den verheißungsvollen Satz «Das neue Theater muss …» beendet er nach drei Anläufen einfach mit einem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2011
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Gerhard Preusser
Das Los des Analytikers ist es zuzuhören. Tag für Tag, Stunde um Stunde, nicht selten die immer gleichen Geschichten. Da kann einem schon mal der Kragen platzen und ein Monolog aus einem herausbrechen wie nach langen Schweigejahren in der Klosterzelle. So denkt man bei der Lektüre von Oliver Bukowskis Psychotherapeuten-Monolog «Der Heiler». Wobei: Was aus Professor...
Bleiben oder gehen? Im Angesicht der Mauer konnte das eine Frage auf Leben und Tod sein. In Anne Habermehls «Narbengelände» ist es auch eine Generationsfrage: Marie und Marc treibt im Februar 1989 in den Wäldern rund um Gera die vitale Überspanntheit 17-Jähriger, die in jeder Hinsicht von Entgrenzung träumen; Maries Eltern, ein knurriges altes Paar zwischen...
«Tsunami» war das Schlagwort zur Beschreibung der Finanzkrise. Es sollte glauben machen, dass uns die Katastrophe wie eine Naturgewalt überrollt habe, unkontrollierbar, unabsehbar. Inzwischen weiß man, dass es so nicht war – und macht trotzdem fröhlich weiter: Meister der Verdrängung, hochgradig ignorant und fatalistisch. In dieser Hinsicht sind Karin Henkels...
