Ketzer werden verbrannt

Theresia Walsers «Die Liste der letzten Dinge» erlebt im Münchner Theater im Haus der Kunst eine Uraufführung, die auch ohne Feuer tödlich endet

Theater heute - Logo

So möchte eigentlich niemand sein: Irgendwo im biographischen Niemandsland zwischen fünfzig und siebzig, tortengeil, demnächst Wasser in den Beinen. Die eine der beiden reifen Freundinnen war wahrscheinlich einmal verheiratet und hat daran als deutlichste Erinnerung behalten, wie sie ihrem Mann die Zehennägel schneidet. Die andere hat sich lebenslang abends ihre Schnittchen alleine zurecht gemacht, pflegt Briefwechsel mit lebenslänglich Verurteilten und träumt vor dem Einschlafen davon, sich mit ihnen «im Glück zu wälzen».

Ein erfülltes Leben sieht anders aus, und Pia und Helen sehen das ähnlich. Deshalb haben die beiden Unglücksfreundinnen auch beschlossen, ihre irdische Existenz zu beenden und die Welt «von sich zu erlösen».

Zwei mittlere Durchschnittsmenschen allein zu zweit, zwischen sich und der Ewigkeit nichts als ihr Rededrang – etwas Besseres kann Theresia Walser für ihre dramatische Sendung nicht passieren. Mit Handlung ist ihren Figuren nicht gedient, dazu würde es Entschlüsse brauchen, Anfang und Ende, Sinn oder wenigstens Zweck. Aber wo soll man dergleichen hernehmen, wenn der Alltag ein Einerlei ist und man schon genug zu tun hat, das verschwommene Grau wenigstens ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2006
Rubrik: Das Stück, Seite 48
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Überlebensgroß Herr Kratt?

Ein Arbeitstag wie ungezählte andere auch im Theater: Repertoirevorstellung, auf dem Spielplan steht Shakespeares finstre Fabel vom dritten Richard. Gerade ist sie bis ins blutige Finale gelangt, und das Publikum, an diesem Abend zum Beispiel das in Hannover, hat sich ja mittlerweile selbst jenseits der breiteren (und oft schon recht ausgetretenen) Trampelpfade der...

Warum wir kämpfen

In keiner Stadt ist der Sommer so anstrengend wie in New York, und in keiner ist er so schön. Auch der diesjährige bildete keine Ausnahme. Biblische Beton-Hitzewellen wurden regelmäßig von verschwenderisch lauen Abenden abgelöst, mit fest im Stadtbewusstsein verankerten Ritualen. Schulter an Schulter picknickte man beim Klassikerkino im Bryant Park, tanzte auf den...

Sprechtest-Dummys

Die Schotten dicht! Auch nicht «der Hauch eines Ereignisses» soll noch hereindringen in die Welt des Philosophen Ariel Chipman, der sich vom vernunftgläubigen Spinoza-Experten zum depressiven Schopenhauer-Jünger gewandelt hat. Die Weltverneinung auf den Fahnen, befindet sich Chipman im Schlitten auf der Fahrt in den Tod. 

Draufgesetzt hat ihn Yasmina Reza – mit...