Alles auf «Schwarz»: Moses Leo, Isabelle Redfern und Victor Asamoah in Anta Helena Reckes kultureller Aneignung von «Mittelreich», Münchner Kammerspiele; Foto: Judith Buss

Kein Zeichen mehr

Trajal Harrell, Anta Helena Recke und Uisenma Borchu entwickeln Diversitätsstrategien an den Münchner Kammerspielen

Theater heute - Logo

Darf ein schwarzer Mann mittleren Alters an einem deutschen Stadttheater eine weiße Frau, beispielsweise die Amme in Shakespeares «Romeo und Julia», spielen? Ausdrücklich verneinen würde das niemand, aber in der Praxis erscheint eine solche Besetzung dennoch fast ausgeschlossen.

Schaut man jedoch dem New Yorker Tänzer und Choreografen Trajal Harrell dabei zu, wie er sich jüngst auf der Bühne der Kammer 2 im langen dunklen Kleid mit kleinen Wiegeschritten in den Schmerz der Erinnerung einspinnt, nur durch die sanfte Intensität seiner Bewegungen eine Inkarnation von Trauer weit jenseits von Geschlechter- oder Rassenschranken kreiert, dann erscheint diese Frage nachgerade absurd, und die Antwort lautet, na klar, warum denn nicht?

Andererseits ist Harrells Shakespeare-Transformation «Juliet & Romeo» als neue Repertoireproduktion der Münchner Kammerspiele in mancher Hinsicht schon eine Herausforderung für Sehgewohnheiten und Körperbilder. In seinen weltweit in Theatern wie Museen gefeierten Performances kondensiert Harrell Elemente der afroamerikanischen Clubkultur wie das Voguing, eine Art hyperindividualistisches Schau­laufen, das sich zu Beginn der 1980er in Harlemer Ballrooms ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Elfriede Jelinek: Am Königsweg

(Vespasian? Nein, nicht der! Cola di Rienzo? Der schon eher!
Aber nein, ich schau mir das Foto an: der auch nicht!)

Miss Piggy, als blinde Seherin hergerichtet, die Augen bluten, wie es die Tradition will. Überhaupt hätte ich in der Folge gern Figuren aus der Muppet Show. Da das aber nicht geht, vielleicht nur Anklänge an die Wesen dort, vielleicht eine Psychose,...

Die Angstmacherei funktioniert – noch

Cornelia Fiedler Herr Akhanli, Sie sind frisch zurück in Deutschland, zwei Monate saßen Sie in Spanien fest, Grund war ein internationaler Haftbefehl der Türkei. Jetzt stehen Sie wieder in «Istanbul» von Nuran David Calis am Schauspiel Köln auf der Bühne (s. TH 7/17 S. 27f.). Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrem Auftritt in der Stückentwicklung, in der Sie...

Kein Ort für Sicherheiten

Gründungsmythen sind Überlebenskitt. Zumal für eine Theaterfamilie, die jahrelang ein Stadtnomadendasein führt, die unermüdlich Nachkommen heranzieht, Nestflüchtlinge ziehen lässt, und deren Energie sich aus der jugendlichen Rebellion gegen alles Institutionelle speist. Der Gründungsmythos des Jungen Theaters Basel ist festgehalten auf einem Schwarzweißbild mit...