kein ausreisen kein einreisen – der ewige auftrag

Theater heute - Logo

Der Tod steht vor der Tür, hält seine Hand auf, ich schweige. Ich schaue hinter mich, alles voller Licht und Erregung, die Dinge, die ich nicht getan habe, die, die ich dabei immer gern getan hätte – das Leben im Konjunktiv, denke ich, in gebeugter Form. Der Tod wird ungeduldig – ich halte seinen kalten Blick, lächle und höre mich sagen: Komm morgen wieder, morgen, wenn ich alles getan habe, morgen, wenn die Erregung nicht mehr peitscht, das Licht sich beruhigt.

Warum ich Heiner Müller vermisse – wa­rum er noch da sein sollte – ich weiß es, ich weiß es nicht. Er ist tot. Punkt.

Er ist dort gestorben, wo er war in den Neunzigern. Wie kann man weiter trinken, wenn der Krebs frisst, wie weiter rauchen – man kann.

Ich nahm einen Stift, der schrieb: WIE TOT IST MAN IN DER LEGENDE IN DER MAN LEBT WENN MAN NOCH LEBT? Ich war wütend, als er starb, auch verzweifelt – ich ahnte Zerstörung, doch das Selbst hatte sich dazu noch nicht eingefunden. Auch wusste ich, dass meine Beziehung nicht hal­ten würde – damals –, dass der Sohn einen anderen Vater bekäme, den weggegangenen.

Vielleicht, weil er all das lächerlich überflüssig Süße aus den Worten, Stämmen epilierte.

Vielleicht, weil er nie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2015
Rubrik: Heiner Müller, Seite 13
von Sebastian Hartmann

Weitere Beiträge
Vollkasko-Entscheidung

Als der Berliner Senat vor fast sechs Jahren vorschlug, aufgrund verhältnismäßig hoher Gewinne und Rücklagen die Subventionen für das Ber­liner Ensemble zu senken, drohte Claus Peymann im Boulevard-Blatt «B.Z.»: «Der Senat hat eine völlig verfehlte Subventionspolitik, das ist ein Irrenhaus. Aber ich hoffe, dass die Vernunft dort bald wieder einkehrt. Sonst bin ich...

Verschärfte Bedingungen

Es überrascht doch stets von Neuem, wie schnell noch immer, kaum zupft mal
jemand die gewohnten Sehmuster ein wenig auseinander, die Aufregung anschwillt und Bannworte wie «artifiziell», «formal» oder gar «Kunst» (gemeint ist die bildende oder installative) mehr oder weniger vorwurfsvoll durchs Parkett schwirren. Als sie vor einem Jahr Marieluise Fleißers...

Die mit dem Wolf tanzen

Im Schummerlicht erobern Indianer die leere Zuschauertribüne, während wir auf dem Bühnenboden sitzen und gebannt zuschauen. Nebelschwaden ziehen durch den Raum. Wie ist es dazu gekommen?

Eigentlich hat alles ganz harmlos begonnen – mit einem Vortrag über eine Reise in die verlore­nen Dörfer am Rande der Braunkohletagebau-Gebiete der ostsächsischen Lausitz. Fünf...