Kassel: Hypnotisierende Lebensneugier
Mit der tiefen Ergriffenheit des genialischen Künstlers – vor allem von sich selbst – schwadroniert der Maler Schwarz eingangs über Beinschwung, Hüftlinie und weitere bewährte Vorzüge seines Modells Lulu. Natürlich zeigt er dabei beharrlich auf einen leeren Bilderrahmen. Lulu als von keines Gedankens Blässe anzukränkelnde Projektionsfläche: so weit die gängige Lesart der Wedekindschen «Monstretragödie».
Unüblicher ist dagegen die Fähigkeit, mit «Lulu» einigermaßen krampffrei – sprich: ohne die kompletten moralinen Old-School-Feminismus-Geschütze an der Rampe – im weiblichen Selbstverwirklichungszeitgeist anzukommen.
Natürlich disqualifizieren sich die Lulu-Anbeter, -Erpresser und -Schenkelklopfer auch bei Sebastian Schug am Staatstheater Kassel mit Bravour. Aber sie tun es auf eine mindestens restcharmante, weil wohltuend ironiegesättigte Weise. Bahnbrechende Verdienste in puncto (freiwilliger) maskuliner Eigenparodie erwirbt sich insbesondere Alexander Weises Emo-Maler Schwarz, wenn er sich nach seinem gramvollen suizidalen Ableben noch einmal mit letzter Kraft aus der weiträumigen Blutlache aufrappelt, um seiner jugendlichen Witwe als weinerlicher Peter-Maffay-Verschnitt ein ...
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Theater heute April 2013
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Christine Wahl
Nebel im Olivenhain und Nebel im Gemüt. Endlose Minuten schleichen wir mit Merle durch das südfranzösische Ferienhaus ihres älteren Geliebten, in dem es trotz Sommerhitze ordentlich fröstelt. Weil dieser Geliebte Romuald mit seiner Anreise tagelang auf sich warten lässt, muss Merle mit seinen pubertierenden, wohlstandsverzogen dahindämmernden Kindern allein klar...
In den 1970er Jahren habe ich ihn eine Weile gekannt (und ich glaube, ich kannte ihn gut), und nur von dieser Zeit will ich hier erzählen. Es war die Zeit, als Jérôme Savary, der Franzose aus Argentinien, mit dem «Grand Magic Circus et ses Animaux Tristes», also dem Zauberzirkus mit den traurigen Tieren, die Enthusiasten beglückte. Nicht allein in Paris. Die Leute...
«Was im nächsten Moment sein könnte, will man ja nicht wirklich wissen, außer vielleicht es handelt sich um die Lottozahlen.» Das weiß auch Philipp Löhle, dessen neues Stück «Nullen und Einsen» er selbst dann noch mit komischen Geschichten spickt, wenn er sich so einem herben Thema wie der stochastischen Unwägbarkeit des Künftigen widmet.
«Nullen und Einsen» ist...
