In der Heimat
Ein ungarisch-österreichisches Grenzschloss bei Rechnitz Mitte des vergangenen Jahrhunderts atmet einen gewissen Stil. Die rautenbespannten Wände, die Reitstiefel in der Garderobe verbreiten gediegene Jagdschloss-Atmo, gleich kommt der Herr Graf um die Ecke und bittet zur Fuchsjagd. Stattdessen schauen fünf grinsend befrackte Schlossgespenster herein, edel gekleidete Provinzbarondämlichkeit im Anschlag, und plappern gutgelaunt drauflos.
Elfriede Jelinek wirft in «Rechnitz» ihren Sprachquirl an für ein besonders übles Gebräu aus Judenmassaker, Kriegsverbrechen, Mitläufertum und Nachkriegs-Schweigemauer. Ende März 1945 waren nahe dem Rechnitzer Landsitz derer zu Thyssen-Batthyány fast 200 jüdische Zwangsarbeiter erschossen worden und zwar von Teilnehmern einer Schloss-Partygesellschaft aus NS-Kameraden, zu denen möglicherweise sogar Gräfin Margit Thyssen-B. selbst zählte. Das Geschehen wurde später gründlich totge–schwiegen, obwohl im Ort jeder davon wusste und sich die Täter in späteren Jahren gern zu Enthüllungs-Opfern stilisierten. Jelineks frei palavernder Monologstrom mäandert zwischen Mordnacht, Nachgeschichte und Party-Smalltalk, kippelt zwischen Eingeständnis und Ausrede ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille
Es geht ums Reden, Feiern, Austausch. Ums Kennenlernen und Befreunden. Und es geht ums Gewinnen. Für eine oder einen enden die sechs Tage des Wettbewerbs der Regieschulen in der Gaußstraßen-Dependance des Hamburger Thalia Theaters mit einer Urkunde und 10.000 Euro Produktionskostenzuschuss für die nächste Arbeit an einem deutschen Stadttheater oder in der Freien...
«Faserland», Christian Krachts einst so aktuelles Zeitbild der neunziger Jahre hat inzwischen selber Patina angesetzt. Vieles von dem, was Kracht beschreibt, liest sich heute wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit, in der nach dem Ende des Kalten Krieges in den Feuilletons vorschnell vom «Ende der Geschichte» gesprochen wurde und der 11. Septem– ber samt «Krieg...
Dass das Verhältnis von Elfriede Jelinek zu Österreich gestört ist, hat noch nicht unbedingt etwas zu sagen. Es gibt wahrscheinlich keinen Staat auf der Welt, zu dem diese Autorin kein gestörtes Verhältnis hätte. Aber da Jelinek nun einmal hier geboren ist, arbeitet sie sich in ihren Texten eben an Vergangenheit und Gegenwart von Österreich ab. Stoff gibt es ja...
