In den Klauen des Kapitals

Carl Sternheim «Die Kassette»(Velodrom)

Theater heute - Logo

Die Raffgier der Menschen ist zeitlos. Vielleicht spricht man in unseren Tagen mit anderen und komplizierter klingenden Worten über Aktien, Dividenden, Kurse und Erträge, die Sucht nach Gewinnen, Mitnahmen und Rücklagen ist aber ebenso rücksichtslos, zerstörerisch und entlarvend wie zu Zeiten Carl Sternheims, der mit seinem Lustspiel «Die Kassette» 1911 das geniale Porträt einer bürgerlichen Gesellschaft in den Klauen des Kapitals schrieb.

Wie hier die Aussicht auf ein stattliches Erbe den doppelmoralisierenden Figuren den Boden der Anständigkeit unter den Füßen wegzieht, wie hier der blank-blinde Neid in die biedere Plüschigkeit fährt: Das ist in seiner berechnenden Übertreibung  eine schauerliche Momentaufnahme allzu menschlicher Unzulänglichkeit, die an Gültigkeit nichts eingebüßt hat.

Warum also wird dieser Carl Sternheim so selten gespielt auf deutschen Bühnen, wo er doch einst mit seinen Stücken Stammgast war? Es liegt sicherlich an der Sprache, die strotzt vor Manierismen: Das Staccato der Dialoge in den Komödien prasselt auf einen nieder, und man verirrt sich ja schon beim Lesen zwischen «barocker Absurdität, wilden Metaphern und abgehackter A-Rhythmik» in ihnen, wie der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2011
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
Langeweile will gelernt sein

Alvis Hermanis wurde im Westen zwar mit Gogols «Revisor» bekannt; berühmt aber ist der lettische Regiestar nicht für seine Repertoireinszenierungen, sondern für semidokumentarische Abende wie «Das lange Leben» oder «Väter», die er gemeinsam mit den Schauspielern entwickelt. Um Shakespeare oder Tschechow hatte Hermanis bisher einen Bogen gemacht. Bei Shakespeare...

Ein ganz anderes Arbeiten

Bernd NoackHerr Zehelein, Sie engagieren sich als Präsident des Deutschen Bühnenvereins sehr für die Landesbühnen. Was fasziniert Sie denn so besonders daran?

Klaus ZeheleinLandesbühnen sind keine Wandertheater, die Gastspiele absolvieren, sondern sie sind Theater für jene Regionen, die nicht über feststehende Theater verfügen. Im Gegensatz zu den Tournee-Theatern...

Spielwiese der Anspielungen

Würde man tatsächlich alles umsetzen, was sich an Personal im Stück einfindet, sprengte das jeden Theateretat. Wolfram Lotz lässt nicht nur Hamlet, Bakunin, Prometheus, den Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auftreten. Mit dabei sind auch eine Gruppe echter Sozialhilfeempfänger, 21 mongoloide Kinder und 50 Nereïden. Aber...