Identitäts- und andere Konstruktionen
Das Melodram ist so etwas wie das verstoßene Kind der Filmgeschichte. Einstmals ganz nah am Herzen, ist es irgendwann in Ungnade gefallen. Heute schämt man sich fast ein bisschen, wenn man an all die Tränen denkt, die man wegen der alten Familiengeschichten vergossen hat.
Wenn in Thiemo Strutzenbergers Stück «Hunde Gottes» das Genre des Melodrams wieder aufgewärmt wird, dann ist das weniger eine Rehabilitation als das Spiel mit einer Form, die uns zwar fremd geworden ist – aber trotzdem keine Erklärung braucht.
Eine ehemalige Schauspielerin gesteht ihrem Sohn, dass sein Vater nicht sein wirklicher Vater ist. Der Gärtner ist es. Der Vater wiederum beichtet, dass er bis heute von den Zerrbildern des Krieges heimgesucht wird.
Die Geständnisse, die normalerweise das Ende eines Melodrams markieren, stehen am Anfang von Strutzenbergers gefinkeltem Stück. Gerade einmal zehn Minuten sind auf der Bühne des Wiener Schauspielhaus gespielt, und schon haben Betty und Dante Alighieri ihr Herz erleichtert. Die beiden leben zwar irgendwann in den 1950er Jahren an der amerikanischen Ostküste, ihre Namen verweisen aber in eine ganz andere Epoche: jene der italienischen Frührenaissance. So simpel ...
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Theater heute Dezember 2014
Rubrik: Chronik: Wien Schauspielhaus, Seite 60
von Stephan Hilpold
Die Idee von Aktionskünstler Philipp Ruch und seinem «Zentrum für politische Schönheit» war von Anfang an im wahrsten Sinn grenz-wertig. Um auf die unhaltbaren Zustände an Europas Außengrenzen aufmerksam zu machen – wir lassen regelmäßig von Schleppern betrogene Menschen im Mittelmeer ertrinken und bewehren unsere Wohlstandsburg mit Stacheldrahtzäunen und Frontex...
Fünf Minuten. Praktisch jeder Pressebericht über das «New Hamburg»-Projekt des Hamburger Schauspielhauses nennt diese Zahl: Nur fünf Minuten fährt die S-Bahn vom Hauptbahnhof auf die Elbinsel Veddel, nach zwei Stationen ist man vom Schauspielhaus im sozialen Brennpunkt. Die Medien übernehmen damit einen Blick, der die Veddel als das Fremde sieht, als etwas, das...
Ein zuschauerfreundliches Theater war Frank Castorfs Sache noch nie. Als sich seine Romanadaption von Curzio Malapartes «Kaputt» nach fünfeinhalb Stunden dem Ende zuneigt, hat das schöne deutsche Wort «Sitzfleisch» einen unangenehm konkreten, ja makabren Beigeschmack erhalten. Auf ihm ist das Publikum Castorf und Malaparte zurück ins Europa des Zweiten Weltkriegs...
