Großbritannien: Dirty old William
Kein Tag im Jahr, an dem nicht auf irgendeiner der fast 250 Londoner Bühnen von Fringe bis National Theatre mindestens ein Shakespeare gezeigt wird. Dass allerdings ein Spielstättenduo der oberen Liga zeitgleich zwei seiner schwierigeren Stücke fürs angelsächsische 21. Jahrhundert grundüberholt, passiert selten: Zur Zeit filetiert am Lyric Hammersmith Frantic Assembly mit zerschlagener Bierflasche «Othello», am Almeida Theatre verlegt Hausherr Rupert Goold den «Kaufmann von Venedig» in ein zynisch heutiges Las Vegas inklusive Elvis-Double.
Frantic Assembly, die aus dem Physical Theatre Bereich kommen, lassen ihr junges durchtrainiertes Ensemble erst einmal zeigen, was Sache ist: In einer minutenlangen Choreografie zu pulsierender Club-Musik bewegen sich Othello, Cassio, Jago und Konsorten – in Trainingsanzügen und Goldketten – mit rasantem Tempo durch Gewalt-, Exzess- und Verbrüderungsszenarien, lassen vor Desdemona, Bianca und Emilia Muskeln und Pokerautomat spielen. Wenn die ersten Shakespeareworte gesprochen werden, dann mit nordenglischem Prekariatsdialekt: Wir sind irgendwo bei Sheffield. Zypern ist hier ein wrackiger Pub mit Plastiksitzen und einem Billardtisch, der auch ...
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Theater heute März 2015
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Patricia Benecke
Ungerufen steht sie da, wie aus dem Boden gewachsen. Yvonne, die Burgunderprinzessin. Die Hässlichkeit in Person. Ein ferkelrosafarbenes Hängerchen wölbt sich über fassrundem Bauch. Aus dem mit weißer Spitze verkleideten Ausschnitt wächst ein kurzer Hals, darauf sitzt der kräftige Schädel von Gottfried Breitfuss. Unter seiner lächerlich blonden Pagenschnitt-Perücke...
Paris kehrt zur Normalität zurück, mit Narben. Das Gedenken an die Attentate vom Januar bleibt sichtbar, etwa an der Place de la République: Da ist das Monument der Republik in der Platzmitte, mit der allegorischen Figur der Marianne, Symbol der Freiheit Frankreichs, übersät mit Blumensträußen. Kerzenlichter stehen da, Plakate und Flugblätter. Toute la république...
Es gibt tatsächlich nur eine Leiche, die weggeschafft werden muss in Marco Stormans «Hamlet»-Inszenierung in Ingolstadt: Polonius hievt eigenhändig sein Versteck, eine spanische Wand, vom Bühnenrand in die Mitte und fällt dann, getroffen von einem Pistolenschuss, stilecht um. Da liegt er nun im Weg und wird mühsam ins Abseits gezerrt. Die anderen zahlreichen Morde...
