Gegenkritik
Die Frage ist: Wie deutlich muss man werden? Seit Jahren läuft zwischen Theatermachern und -kritikern immer dasselbe Spiel: Die Regisseure inszenieren so drastisch wie möglich, die Rezensenten werfen ihnen Plattheit vor, und am Ende heißt es immer, man solle den Zuschauer doch nicht für dumm erklären, er würde das auch so verstehen.
Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, das Verhältnis von Deutung und Deutlichkeit sei durch die gewohnheitsmäßige Überdosis der Theatermittel inzwischen gründlich verdorben.
Schwierig wird es nur, wenn wie im Fall von Stephan Kimmig ein Regisseur nicht auf theatralische Knalleffekte und platte Aktualisierung setzt, sondern beharrlich an der Vergegenwärtigung einer Geschichte durch ihre Figuren arbeitet.
So geschehen unlängst bei «Endstation Sehnsucht» von Tennessee Williams am Thalia Theater, in einem Bühnenbild von Katja Haß, das wie eine überdimensionale Notunterkunft wirkt, Zeltplanen statt Wände. Für Kimmig war von Anfang an klar, dass die Männerfiguren dieses 1947 geschriebenen Stückes massiv unter dem Eindruck des Krieges stehen. Um Stanley Kowalski und seinen Kumpel Mitch zu verstehen, muss man sie als Kriegsheimkehrer lesen – genau so ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Rührendste kam zum Schluss: Da verbeugte sich Nuran Calis inmitten seines Teams so ungelenk, so wacker bemüht, der Applaus-Etikette Genüge zu tun, dass der Beifall schier kein Ende nehmen wollte. Es war ohnehin ein Klatschen der gerührten Herzen. Wann hatte man zuletzt einen so ungehemmt naiv und unironisch gespielten Klassiker gesehen? So ungebrochen auf die...
Der König erklimmt seinen Thron. Sein Thron ist ein wackeliger Matratzenstapel, eine Nummer zu groß und zu tückisch für einen wie Gunther (Ben Daniel Jöhnk), diesen Burgunderschlaffi. Als er im x-ten Anlauf endlich oben ist, hüpft er auf seiner Bettenburg herum wie ein verzogener Bengel. Bald wird er sich noch ganz anders lächerlich machen.
So viel zu König Gunther....
Wir persönlich hätten uns ja auch Margot Honecker und Wolf Biermann als «Traumpaar von einst» vorstellen können. Wo Florian Havemann in seinem symbolischen Vatermord-Wälzer «Havemann» gerade so lustig von einem One-Night-Stand der DDR-Staatsratsvorsitzenden-Gattin und -Volksbildungsministerin mit dem ausgebürgerten Sänger plauderte! Egal, ob es sich dabei um...
