Gegenkritik
Liebe Leserin, lieber Leser, die freundliche Anfrage, eine Gegenkritik zu den Besprechungen über «Die Stadt und Der Schnitt» zu verfassen, hat mich gefreut. Ein solcher Text kann allerdings nur von jemandem geschrieben werden, der die Kritiken auch gelesen hat. Tatsächlich habe ich dies nicht – direkt nach Premieren lese ich nie Kritiken, sondern warte damit ein paar Monate. Denn die Arbeit geht ja trotzdem weiter. Und sie fällt mir leichter, wenn ich die Häme der Verrisse und das Lob der Hymnen nicht wortwörtlich zur Kenntnis nehme. Gerade erstere können nämlich wirklich wehtun.
Wir sind also übereingekommen, dass unser Pressereferent, der die Kritiken von Berufs wegen gelesen hat, mich mit einigen Kernthesen konfrontiert und ich in Form eines Interviews darauf antworte. Thomas Ostermeier
Aus den Verrissen wie auch aus manchen der guten Kritiken sticht der Vorwurf heraus, das Theater des «kapitalismuskritischen Realismus» sei inhaltlich und ästhetisch überholt.
Es hat mich sehr erstaunt, dass diese beiden Texte überhaupt als kapitalismuskritisch wahrgenommen werden. «Die Stadt» beschreibt die Liebesgeschichte eines Paars, das in dem Moment in die Krise gerät, als der Mann seinen ...
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«Ich ...?», stammelt Kurt Köpler alias Henrik Höfgen alias Gustaf Gründgens entgeistert, «ich?». Wer soll das denn sein? Es ist das letzte Wort des Herrn mit der Dreifach-Identität und den Doppel-Initialen. Er ist Schauspieler, also: ein leeres Ich, dringend bedürftig, sich mit fremden Identitäten aufzuladen. GG, das war Gustaf Gründgens, Mephistodarsteller, unter...
Ja, warum regt sie sich eigentlich so auf? Die nette Lotte aus Remscheid hat offenbar schon ein paar Likörchen intus und hadert sehr aufgekratzt mit sich und ihrem freud- und anschlusslosen kleinen Marokko-Urlaub. Nun sind elf langweilige Tage in Agadir sicher kein reines Vergnügen, aber Weltuntergänge sehen trotzdem anders aus.
Botho Strauß’ monologintensives...
Langweilig ist es nicht in Johannes Leppers letztem Intendantenjahr am Theater Oberhausen. Thirza Bruncken hat eine völlig durchgeknallte Version von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» inszeniert, und der leise, behutsame Valentin Jeker verabschiedet sich mit einem atmosphärisch stimmigen «Kaufmann von Venedig» vielleicht ganz aus dem Theatergeschäft. Auch Lepper...
