Erziehung am lebenden Subjekt

An frischgebackenen oder werdenden Eltern lässt sich jede Menge über den geistigen Zustand einer Gesellschaft ablesen. Kathrin Rögglas neues Stück «Kinderkriegen» fährt dazu eine wahrhaft komische Väter- und Mütter-Parade auf; Tina Lanik hat sie in München ur-inszeniert. Von Jürgen Berger

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Es war einmal, und es war nicht immer nur schön. Auf jeden Fall aber konnte der Nachwuchs sich damals noch selbstbestimmt den Arm brechen, und die Eltern fielen erst Wochen später in Ohnmacht, wenn der Kleine sich verplappert hatte: Okay, okay, der hat sich doch tatsächlich mit seinen Freunden in diesen Höhlen oben im Berg rumgetrieben, tagelang und obwohl die doch so gefährlich sind. Was da alles hätte passieren können?

Vor fünfzig Jahren lebten Eltern in einem Zustand der nachträglichen Sorge, heute in einem des antizipatorischen Schauderns.

Sie mei­nen, alles zu wissen, was dem Kind zustoßen könnte, müssen irgendwann aber doch einsehen, dass auch der heutigen Wohlstandsverwahrung Grenzen gesetzt sind. Zum Beispiel, wenn der doppelt beschäftigte Haushalt der Besserverdienenden ein Au-pair-Mädchen aus der Ukraine kommen lässt und plötzlich feststellt: Die ist ja verstrahlt, Tschernobyl und so! Oder wenn die zweijährige Maren-Olivia immer noch in der Yogagruppe für Neugeborene die Knieschaukel übt und gleichzeitig die Altgriechisch-Krabbelgruppe und den Stradivarikurs zur Gehörbildung besuchen sollte. Da wird es dann doch eng für den Mittagsschlaf, den die Kleine ja auch nötig ...

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Theater heute Juli 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 36
von Jürgen Berger

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