Eine Kulturgeschichte der Scham
Noch immer sorgt das Bild im Pariser Musée d’Orsay für leichte Irritation, wenn der Blick des von einem zum anderen Bild schreitenden Betrachters plötzlich zwischen zwei geöffnete Schenkel fällt, zwischen denen die Lippen sichtbar, der Spalt der Klitoris erkennbar, der behaarte Schamhügel einer Liegenden sich ihm entgegenwölbt. Eine Nahsicht, naturgetreu abgebildet. Zu sehen ist nur dies. Kein Gesicht, kein Kopf, kein Fuß. Gerade noch der Bauch und ein Tuch, ein Schleier, hochgerutscht bis zur Brust – ein Hinweis auf das Spiel der Ver- und Enthüllung.
Seit dieses Bild an diesem öffentlichen Ort hängt, wird es streng bewacht. Dabei würde wohl kaum einer der Besucher die Berechtigung seines Ausgestelltseins in Zweifel ziehen. Im Gegenteil, er wird es für eine Selbstverständlichkeit halten, handelt es sich doch um ein Werk, das einen Wendepunkt in der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts markiert, um Gustave Courbets «Der Ursprung der Welt».
Mehr als hundert Jahre hat es gedauert, bis dieses Bild der Öffentlichkeit zugänglich wurde. Seine Geschichte ist selbst ein Wechselspiel des Ver- und Entbergens. 1866 hatte Khalil Bey, ein ägyptischer Diplomat, der sich der Pariser Libertinage ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die neuen Stücke der Spielzeit, Seite 198
von Judith Gerstenberg
Theater heuteHerr Rühle, was missfällt Ihnen so vehement am zeitgenössischen deutschsprachigen Theater?
Günter RühleBei den augenblicklichen Entwicklungen am Theater geht es nicht um Missfallen, sondern um die Veränderungen, die wir Theaterbesucher mit unseren Erlebnissen und mit unseren Vorstellungen von Kunst und der Funktion von Theater in Verbindung bringen....
Franz WilleWie sind Sie auf die Idee für den «Goldenen Drachen» gekommen?
Roland SchimmelpfennigAuslöser für das Stück waren zwei Begegnungen: Die eine morgens um neun zufällig auf der Straße mit einem Rechtsanwalt aus dem Freundeskreis, der mich darauf ansprach, ob ich mir nicht vorstellen könnte, etwas über illegale Einwanderer in Deutschland zu schreiben – wobei...
Unspektakulärer kann Nacktheit wahrscheinlich nicht mal am FKK-Strand rüberkommen. Kein handelsübliches Murren regt sich im Silbersee des Schauspiels Hannover im vorderen Parkett, kein Kichern in den reich mit Schulklassen besetzten hinteren Reihen. Dass Sandra Hüller als Parzival die Bühne splitterfasernackt betritt und das auch eine ganze Weile bleiben wird,...
