Echt krass
Klytämnestra ist nicht aufgewühlt, sondern «hibbelig», Orest nicht verstört, sondern «total abgefuckt», der Mutter-Mord ein dummer Jungen-Streich, Elektra ein «Problemkind», die – ausgerüstet mit Dildo – mit Ägisth schläft, und die an ALS erkrankte Iphigenie ein akuter Fall für die Sterbehilfe (wer könnte dem guten, halb aktiv, halb passiv beteiligten Vater Agamemnon böse sein?). Der Trojanische Krieg findet nicht statt. Den Göttern ist die Puste ausgegangen. Mykene liegt nebenan – eine Revierstadt wie Oberhausen. Fehlte bloß noch, dass Tana Schanzara auftauchen würde.
Auf der Hinterbühne des Theaters inszeniert der 1984 in Basel geborene Australier Simon Stone aus Sex and Crime die Atriden als Serien-Familie, textlich selbst verfertigt. Hübsch portioniert und getaktet in Short Cuts senkt sich der schwarze Kubus (Alice Babidge) immer wieder auf das Spiel-Karrée herab, um das herum die Zuschauer blockweise sitzen, als wohnten sie einem Fight bei. Ein signalrotes Laufband informiert über den Fortgang bzw. Rücklauf der «verfickten» (Stone) Geschichte, die mit Iphigenies Tod aus der Ampulle endet. Bei Katie Mitchell am Schauspielhaus Hamburg, die die «Die Phönizerinnen» in der Fassung ...
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Theater heute April 2014
Rubrik: Chronik Oberhausen Theater, Seite 59
von Andreas Wilink
Am Ende von Peter Handkes biografischem Porträt seiner Mutter, die 1971 Selbstmord beging, fliegt der Ich-Erzähler, der gerade die Todesnachricht erhalten hat, zurück nach Österreich. «Beim Zeitungslesen, Biertrinken, Aus-dem-Fenster-Schauen verging ich allmählich in einem müden, unpersönlichen Wohlgefühl», heißt es in «Wunschloses Unglück». «Ja, dachte ich immer...
Othello als einer, der steckenblieb in Descartes’ erster Meditation: In seinem Denken findet er keine Gewissheit. Es bleibt nur der Betrüger-Gott, der ihn in allem, was er wahrnimmt, täuscht. Und Jago will das Abbild sein dieses Gotts des Bösen, bekennt er in seinem Glaubensbekenntnis, das Arrigo Boito für Verdis Oper schrieb.
So war es wohl gedacht, wie man den...
Wenn er einen ansah, unter seinen buschigen, kühn gewölbten Augenbrauen hindurch, fühlte man sich ertappt. Fritz Marquardt Aug in Auge standzuhalten, dem gar nicht großgewachsenen Mann, war nicht einfach. Weil man ihm ein reiches, so großes wie bescheidenes Leben mit all seinen Umbrüchen, Widersprüchen, Herausforderungen ansah – er versteckte es nicht, ihm war...
