Düsseldorf: Schauspielhaus (Kleines Haus)
«Ich wähle die größtmögliche Übertreibung», schreibt Tine Rahel Völcker, «um dem, was ich nicht zu denken wage, möglichst nah zu kommen.» Einen Tag vor der Premiere ihres Stücks druckte das «Handelsblatt» einen Aufsatz von Francis Fukuyama unter dem Titel «Warum Staaten aufsteigen und fallen». Fukuyama übertreibt nicht. Frappierend nüchtern erläutert der politische Ökonom auf zehn Zeitungsseiten, wie die westlichen Demokratien entstanden sind und was dafür spricht, dass sie nicht ewig Bestand haben werden. «Kein Science-Fiction», so könnte auch dieser Essay heißen.
Die Zukunft hat schon begonnen.
Die Module – nicht so sehr die jeweiligen Perspektiven – von Essay und Stück ähneln sich verblüffend. Völckers Stück erzählt davon, wie ein moderner Trust zunächst durch eine Phase (scheinbarer) Liberalisierung geht und dann von Ultrarechten unterwandert und demontiert wird. Der Firmenmogul Agamemnon, den Ingo Tomi als einen smarten jungen Boss spielt, besitzt nicht allein Kapital (das ihn angeblich nicht interessiert), sondern vor allem etwas, das in dieser Gesellschaft auf der ideellen Ebene ebenso wesentlich ist: Definitionsmacht. Eine Migrantin aus Afrika nennt er Kassandra, eine ...
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Theater heute April 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Martin Krumbholz
Was für eine nette Gesellschaft: kein einziger guter Mensch. Während der alte Familienpatriarch, seit Jahren ein Spieler und Säufer, im Nebenzimmer verröchelt, entbrennt vorn im Salon der Kampf ums Erbe. Dabei ist jedes Mittel recht. Es wird gedroht und intrigiert, bestochen, betrogen, erpresst, spioniert, gefälscht, eingeschüchtert und am Ende sogar gemordet....
Die Sonne scheint. Das Alpenpanorama leuchtet, freudig läuft der Hund vorneweg, wackelig auf wenig bergtauglichen Schuhen folgt ihm die Frau. Und dann ist da plötzlich – nichts. Ein Nichts, das ein Ende ist. Es geht nicht weiter, obwohl die sich hinabschlängelnde Straße ins Weite zu führen scheint. Denn da ist die unsichtbare «Wand».
In Julian Pölslers...
Es gibt Theaterhäuser, da weiß man vorher, wie der Abend aussehen wird: Bühnenbild, Kostüme, geschminkte Schauspieler sprechen Texte von lebenden oder toten Autoren. Dazu mehr oder weniger Musik, bunteres oder schlichteres Licht. Gerne auch mal Videoprojektionen in verschiedenen Formaten. Am Schluss wird geklatscht, und danach wird der Abend 10- bis 30-mal...
