Dritte deutsche Welt
Tränen werden beim Abschied in Halle-Neustadt nicht vergossen. Fröhlich kräht eine Gruppe Menschen «Auf Wiedersehen, Sachsen-Anhalt» und «Tschüss, Halle» in den Nachthimmel. Wer sich am Bahnhof der einstigen Chemiearbeiter-Schlafstadt aufhält, winkt zurück. Die meisten Leute hier kennen die Prozedur. Sie haben sich an den Anblick von mit Akten bestückten, manchmal auch kleine Gläschen mit Urin tragenden Petitenten gewöhnt.
Jetzt freuen sie sich mit denen, die – begleitet von zwei blau gekleideten Assistenten – aus dem Bahnhof hinaus zu einem Flugzeug streben, das sie in das Land ihrer Wünsche tragen wird. Denn diese Glücklichen haben den Trainingsparcours des «Auswärtigen Amtes» erfolgreich absolviert.
«Auswärtiges Amt» ist eine Hybride aus politischer Travestie, Theater, Intervention und Live-Rollenspiel, die von Jörg Giese und Esther Steinbrecher entwickelt und jüngst im Rahmen von «Neustaat», der vom Thalia-Theater Halle und dem Bauhaus Dessau initiierten Belebung des Bahnhofes Halle-Neustadt, durchgespielt wurde. «Auswärtiges Amt» dramatisiert die von einigen Medien konstatierte «Auswandererwelle» und stempelt den Zuschauer zum Wirtschaftsmigranten.
Es gilt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Anders als das Fernsehen macht das Radiohören beim Prix Europa ein Geräusch: Es ist das kollektive Blättern, wenn das Publikum gemeinsam die Manuskriptseiten umwendet, um einem lettischen oder georgischen, einem französischen oder russischen Hörspiel zu folgen. Was sich nicht hörend erschließt, dem spürt man auf den Doppelseiten in Originalsprache und englischer...
Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges waren Fritz Kortner, Bertolt Brecht, Wolfgang Langhoff, Berthold Viertel, Ernst Deutsch, Carl Zuckmayer, die bekanntesten von denen, die 1933 ins Exil gegangen waren, längst wieder im Land. Die deutschen Theater spielten volles Programm, viele noch auf Behelfsbühnen – aber der Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser kam in Gang....
Ein «Sommernachtstraum» mit Puck als fieser Raupe, die erst zum Schmetterling werden muss. Gegenwärtige Stützen der Gesellschaft als ein versoffener, autistischer Haufen. Der bürgerliche Traum von der Vermählung der schönen Künste mit dem Kapital, wie er im wahrsten Sinne des Wortes ins Bodenlose rutscht. Ein moderner Ruhrpott-Simplicissimus, der durch Sex, Drugs...
