Die Welt im Stück
Wie schreibt man mit zwei Menschen eine ganze Welt? Es dürfen auch drei oder vier sein, aber selten mehr als ein Dutzend. Es muss auch nicht immer gleich die ganze Welt sein, aber doch wenigstens ein wichtiger Teil davon, ein bedeutendes Problem, ein entscheidender Konflikt, eine aufschlussreiche Situation. Auf jeden Fall deutlich mehr als das Privatproblem von Herrn X oder Frau Y – soviel darf man schon verlangen von einem ordentlichen Theaterstück. Nicht nur so ein Partikularproblemchen von hinten links.
Solch ein Anspruch war vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren deutlich einfacher einzulösen. Als die deutsche Bundesrepublik noch eine ordentliche Gesellschaftszwiebel mit dickem Bauch und kurzen Enden war; als eine solide, berechenbare Angestelltenwelt mit ihren gerne repressiven kleinbürgerlichen Konventionen am Familientisch entschied, was Normalität bedeutet. Kurz: als das Normalmenschenschicksal nicht nur für sich, sondern irgendwie auch für alle sprach und wir in einer vielleicht autoritären, oft leicht langweiligen, aber einigermaßen überschaubaren fordistischen Nachkriegsmoderne lebten. Darin wurden dann Generationen- oder Emanzipationskonflikte geklärt oder soziale Fragen ...
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Theater heute Mai 2014
Rubrik: Mülheim Stücke, Seite 36
von Franz Wille
Mein Pass weist mich aus als Bürgerin des Königreichs Ros-u, das bezeichnenderweise ein über seine Nabelschnur tief im Erdreich verwurzeltes Ferkel in seinem Wappen trägt. Die armen Bewohner huldigen einem archaischen Fruchtbarkeitskult, Anhänger anderer Religionen werden diskriminiert und verfolgt. Vermutlich alles Gründe dafür, dass ich, 54, weiblich, meine...
Demenz, erklärt der hypermotorische Psychiater Dr. Szatmáry eingangs dem Publikum, sei eine Krankheit, bei der das Gehirn vom Nichts gefressen werde. Ein Zustand wie in Ungarn, fügt er sarkastisch hinzu: «Keine Vergangenheit, keine Zukunft.»
In seiner schrägen Gesellschaftsparabel «Dementia, or the Day of My Great Happiness» behandelt der ungarische Regisseur...
Er sieht aus wie ein geschleiftes Arbeiterdenkmal, wenn er mit schweren Schritten die schräge Bühne herabschlurft, Staub in den Haaren, den Tod im Gesicht, ein Actionheld am Tiefpunkt, wenn es 0:10 gegen ihn steht. Und trotzdem ist da noch etwas anderes, eine verhaltene Kraft und ein Funken kindlicher Übermut. Der neue Mensch ist zwar von Anfang an Ruine, ebenso...
