Die Regeln des Spiels
Man muss sich Anne Lepper als Ethnologin vorstellen. Die mit dicker Brille und vermutlich einer fetten Kladde unterm Arm die seltsamen Rituale, Äußerungen, symbolischen Ordnungen und sonstigen Alltagskram fremder Völker anguckt und mit freundlichem Interesse emsig Aufzeichnungen macht. Kleines Beispiel von der Party eines weißen Stammes in Nordrhein-Westfalen: Ein paar Gäste stehen zusammen. Einer sagt «Harrisburg». Der andere «Sellafield». Der nächste «Hiroshima». Dann «Tschernobyl». Schließlich «Fukushima».
Darauf noch ein Gast, sozusagen abschließend: «Radioaktivität ist schlimm.»
Tja, so ist das. Alles gesagt. Natürlich nicht, dass Radioaktivität schlimm sei. Das wissen alle, sowieso klar. Sondern das triste Wissen von einem Wissen, das nichts ändert, ritualhaft aufgerufen, zur eigenen Beruhigung abgelegt und immer wieder noch im größten Partylärm und Alkoholdusel wieder abgefragt werden kann. Im Grunde steckt in der kleinen Szene das ganze Drama der Grünen. Weshalb sie dazugehören wie alte Partybekannte, weshalb sie natürlich recht haben mit dem, was sie sagen; weshalb sie nichts mehr bewirken und weshalb der ganze Laden in einer seltsamen Kombination aus Engagement und ...
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Theater heute April 2015
Rubrik: Neue Stücke, Seite 19
von Franz Wille
Manchmal fängt das Leben mit dem Höhepunkt an, man weiß es nur nicht. Wie drei Einschläge, trocken, hart und zielgenau, treffen die Stücke «Jagdszenen aus Niederbayern», «Landshuter Erzählungen» und «Münchner Freiheit», die ein junger Schauspieler aus Marklkofen, Landkreis Dinfolfing-Landau, zwischen 1966 und 1970 aus sich herausschleudert, in die aufbruchsbereite...
Einen zugeneigteren Richter als Andreas Müller hätte sich das Münchner Residenztheater gar nicht wünschen können. Juristisch hatte man in der Sache «Baal» nicht den Hauch einer Chance. Frank Castorfs Inszenierung verwendet in ihrer Fassung umfangreiche Fremdzitate – darunter Texte von Rimbaud, Carl Schmitt, Ernst Jünger, Frantz Fanon sowie längere Passagen aus...
Hast Du die ‹Situation mit ausgestrecktem Arm› im HAU gesehen?», fragt mich eine Kollegin nach dem Eröffnungstag des 100° Berlin Festivals. «Das soll nämlich richtig gut gewesen sein.»
Mit großer Wahrscheinlichkeit löst diese Frage beim Vier-Tage-Marathon des freien Theaters ein Krisengefühl aus. Die Gefragte saß zu diesem Zeitpunkt beispielsweise im Shuttle zu...
