Die Kugel in der Luft
Victory Condition» beginnt mit einem freundlichen «Hallo». Ein Mann spricht mich an, erzählt, was er weiß über mich, über mein Leben mit geliebten Menschen, über Glücksmomente und plötzlich einbrechenden Schrecken, über meine Ängste und mein Vertrauen. Der Mann kennt mich, denn er ist wie ich.
Nein, er spricht nicht mit mir. Der Mann ist ein Sniper und liegt verborgen in einem zerstörten Gebäude, durch das Zielfernrohr seines Gewehrs sein Opfer betrachtend, mit ihm redend in obszöner Vertrautheit.
Die Regierung hat ihn beauftragt, gegen den Aufstand vorzugehen, der auf der Straße tobt. Bürgerkriegspartikel tauchen auf, Transparente sind zu lesen – und zwischen ihnen eine junge Frau, die telefoniert und raucht, mit den anderen Demonstrant*innen scherzt und lachend der feindlichen Seite deren Spiegelbild vorhält: die bis zu den Zähnen bewaffnete Fratze.
Schnitt. Eine Frau betritt wie jeden Tag ein Großraumbüro mit den allbekannten Trennwänden, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, mit Bodendielenimitat und unbarmherzig blau leuchtenden Monitoren. Dort, wo sie wie alle anderen besessen am Design der Welt arbeitet, an den Bildern, die unsere Realität fassen, ersetzen, formen. Doch ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 184
von Angela Obst
Der niederländische Theatermacher Eric de Vroedt ist auch in Deutschland längst kein Unbekannter mehr; in den letzten Spielzeiten hat er wiederholt am Schauspielhaus Bochum und am Theater Dortmund inszeniert. In seinem Heimatland, wo der 46-Jährige die Intendanz des Nationaltheaters in Den Haag als Nachfolger Theu Boermans übernommen hat, ist er nicht nur als...
Eine neue deutsche Leitkultur, das klingt aber therapeutisch! Als könnte man etwas erfinden, das alle Probleme löst. Und solange man es nicht gefunden hat, ist es auch in Ordnung, dass die Probleme da sind. Es kann ja gar nicht anders sein, ohne die größte und beste Erfindung. Eine Art gesellschaftlicher Weltformel. Und klar, das Wort kann gar nicht anders als auch...
TH «Am Königsweg» ist, wenn wir richtig rechnen, Ihre erste Inszenierung eines Stücks von Elfriede Jelinek?
Falk Richter Nicht ganz. Ich habe vor zehn Jahren am Wiener Akademietheater «Ernst ist das Leben» inszeniert, eine Überschreibung von «Bunbury». Aber das war natürlich kein typischer Jelinek-Text. Da gab es noch Figuren, Dialoge, entliehen von Oscar Wilde. ...
