Die Grenzen der Polis
Kaum ein Thema ist geeigneter, das Recycling als grundlegende Geste der Kultur und zumal des Theaters zu erläutern, als die hartnäckige Wiederkehr der gleichen Stoffe. Shakespeare hat kaum einen seiner zahlreichen Stoffe erfunden. Die Lektüre eines modernen Schauspielführers kann wie das Durchblättern eines mythologischen Lexikons wirken. Reécriture, Zitat, ist das Gesetz der Kultur. Besonders das Theater wiederholt, zitiert, kopiert, oft zwischen Pastiche und Parodie changierend, vorgegebene Themen, Stoffe, Figuren, ganze narrative Verläufe.
Bert Brecht hat mit dem Modellbuch der Inszenierung seiner «Antigone»-Version dem Gedanken der produktiven Qualität des Kopierens einen weiteren Akzent verliehen. Sprachlich basiert Brechts Bearbeitung der Sophokleischen Tragödie auf der Übersetzung durch Hölderlin. In ungewöhnlicher Bescheidenheit wählte Brecht den Titel «Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Bertolt Brecht». Stofflich stellt Brechts Bearbeitung freilich eine radikale Umdeutung der antiken Fabel dar.
«Antigone» ist bei Brecht ein Spiel über den Hitlerfaschismus. Kreon wird mit «Mein Führer» tituliert. Er will wie ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen, Seite 36
von Hans-Thies Lehmann
Der Dramatiker Ferdinand Schmalz liebt Humor und bildhafte Spielorte. So wundert es kaum, dass nach dem Butterberg hinter der Molkerei, dem sumpfigen Urgrund eines Einkaufsparadieses und dem Unfallchaos an einer Raststätte in seinem neuen Drama ein überflutetes Thermalbad zum Gesellschaftsbild unserer mittels Wellness und Körperkult weichgespülten Wirklichkeit...
Nachdem Mark Hayhurst seinen BBC-Film über Robespierre und den Terror der Französischen Revolution beendet hatte, war er auf der Suche nach einem neuen historischen Stoff. Schon immer wollte er einen Film über Antifaschismus in Deutschland drehen. Martin Davidson, der BBC-Beauftragte für Geschichte, kam ihm zu Hilfe und machte ihn auf den Fall des Hans Litten und...
Unter den jungen und aufgekratzten Menschen, die an diesem Frühsommerabend an den Cafétischen vor der Amsterdamer Stadsschouwburg sitzen, ist er der Mann, der am lautesten lacht. Es ist ein dröhnendes, markerschütterndes Lachen, das wie ein Theatereffekt wirkt. Simon Stone trägt einen eng sitzenden dunkelblauen Anzug, er zeigt seine prächtigen weißen Schneidezähne...
