Der Untertreibungskünstler
Kaiserwetter am 28. September. Vorm Berliner Ensemble versammeln sich zu ungewohnt früher Stunde mehrere hundert Menschen, darunter viele Schauspieler, Politiker, Journalisten – Freunde und Verehrer von Otto Sander, der am 12. September verstarb. Polizisten wachen. Fotografen streunen. Zaungäste staunen.
Volles Haus, die mehr als 700 Plätze allesamt belegt: der große letzte Auftritt. Ein schlichter Fichtenholzsarg auf der Bühne ist übersät mit kleinen Teelichten und Blüten. Der Tote ist bei uns im Theater.
Ein Foto von Otto Sander, schräg zum Publikum auf einer Staffelei, wirkt so lebensecht, dass ich erwarte, er werde mir gleich seine Lieblings-Kortner-Anekdote, die mit dem Sarg, ins Ohr flüstern.
Die Trauerredner von Wowereit über Wenders bis Wameling, von Peymann bis Flimm preisen den Künstler und Menschen. Hermann Beil liest einen Text von Luc Bondy; Edith Clever, sehr berührt und doch beherrscht, eine Nachtfantasie von Botho Strauß. Fragmente eines Lebens voller Liebe und mit vielen Freunden. Rollen-Fotos werden auf eine Leinwand projiziert, Interview- und Film-Schnipsel – das ist oft so komisch und witzig, dass viel gelacht wird und sogar applaudiert.
Zwischendrin läuft ...
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Theater heute November 2013
Rubrik: Abschiede, Seite 40
von Michael Merschmeier
Vier ganze Seiten braucht Intendant und Regisseur Ansgar Haag im Programmheft, um zu erklären, wie er sich diesen seinen «Hamlet» gedacht hat: ausgerechnet als einen nämlich, der der «deutschen Geschichte den Spiegel» vorhält.
Somit ist also nach Meininger Lesart nicht etwa in Dänemark, vielmehr im historischen Staate DDR etwas faul. Jahrzehnte nachdem der Rest...
Weißt du womit ich mich neuerdings beschäftige?», fragte ein Freund, der für ein Moskauer Theaterfestival arbeitet. «Ich schreibe den Eingeladenen. Ich überrede sie, nach Moskau zu kommen. Der eine ist schwul, und ein anderer auch … Ich muss denen erklären, dass man dafür in Russland weder verprügelt noch eingesperrt wird, und dass wir hier nicht alle homophob...
Der deutsche Märchenwald ist ein tückisches Biotop; vor allem kommt darin immer alles anders, als man erwartet. In Wilhelm Hauffs «Wirtshaus im Spessart» zum Beispiel, einer Schlingpflanze von Rahmenerzählung, sitzen ein paar schlotternde Gestalten bis nachts um zwei in einer Schänke und erzählen sich aus Angst vor einem Räuberüberfall Geschichten, damit sie nicht...
