Der neue Mensch

Erschöpfte Selbstverwirklichung: Das spätmoderne Individuum und die Paradoxien seiner Emotionskultur

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Dass das Individuum und seine Lebensführung in der Spätmoderne in eine grundsätzliche Krise geraten sind, ist ein verbreitetes Thema der kulturkritischen Debatte der Gegenwart. Das, was Alain Ehrenberg das «erschöpfte Selbst» nannte, wird in diesem Zusammenhang allenthalben beklagt.(1) Risiken der Überforderung und Überanstrengung scheinen das spätmoderne Subjekt zu charakte­risieren, und Erschöpfungskrankheiten wie Depression und Burn-out sowie psychosomatische Störungen werden zu charakteristischen Krankheitsbildern der Epoche.

Die Zeitdiagnose hat ein besonderes Interesse daran entwickelt, diese Krise des Selbst in einen ursächlichen Zusammenhang mit großformatigen gesellschaftlichen Entwicklungen wie dem Kapitalismus oder der Digitalisierung zu bringen.(2) Aber auch die Psychologie und Psychotherapie liefern ihren Beitrag zur Analyse und zur individuellen Selbstbeobachtung: Die Spätmoderne ist in nie dagewesenem Ausmaß eine durchpsychologisierte Kultur, welche die Individuen unentwegt zur Selbstreflexion und Selbsttransformation animiert.(3)

Man vergisst es allerdings mittlerweile leicht – die Kultur des Selbst nach dem Epochenbruch der 1970er Jahre war mit der Hoffnung ...

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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Essay, Seite 46
von Andreas Reckwitz

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