Der Letzte seiner Art
Mäandernd durch Wirklichkeit und Einbildung, Wachträume und geborgte Erinnerungen erzählt Peter Handke in «Immer noch Sturm» vor allem vom Durchhalten, von dem Willen, sich mit Gefühl und Gehirn gegen das Vergessen, die Auslöschung, gegen den Ausverkauf der Identität zu wehren.
Den Spuren seiner eigenen Familie nachforschend, lässt er seine Figuren straucheln, scheitern, sterben, aber er lässt sie auch wieder auferstehen im Gedenken, macht sie so zu einfachen Helden des Alltags, die sich über die Grenzen von Ländern und auch des Verstandes hinweg ihrer Legitimität in der Geschichte vergewissern, sich behaupten vor allem in und mit ihrer Sprache gegen fremde Autoritäten und Okkupanten.
In Kriegszeiten und in Momenten des brüchigen Friedens, angesiedelt im südlichen Kärnten, wo sich die slowenische Minderheit gegen «die Deitschen» wehrt und unter den Österreichern zu keiner Eigenständigkeit mehr findet, wird eine Sippe auseinandergerissen und der Heimat beraubt. Und wenn Stefan Otteni in Nürnberg diese kleine Welt, die Zuhause und Zuflucht bedeutete (Bühne: Peter Scior), mit viel Effekt zusammenkrachen lässt, dann geht das über die historische Stimmigkeit der Ereignisse hinaus: In ...
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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Bernd Noack
Als Rainald Goetz noch kein preisgekrönter Schriftsteller und Dramatiker, sondern Kinder–buchrezensent war, «destillierte» er aus den Kritiken von Benjamin Henrichs, Michael Skasa und Peter von Becker sämtliche Adjektive, um sie später in eigenen Texten verwenden zu können. Doch Joachim Kaiser, einst Feuilletonchef der «Süddeutschen Zeitung», schickte den jungen...
Es ist müßig, wie David Barnett den Nachweis führen zu wollen, dass Rainer Werner Fassbinders Bedeutung als Theaterregisseur ebenso bedeutend gewesen sei wie die als Filmemacher; zumal der englische Theaterwissenschaftler dann noch glaubt, Fassbinders wesentlichen Beitrag zum deutschen Nachkriegsdrama nicht nur in den Stücken selbst nachweisen, sondern auch «in den...
Der Säugling liegt auf dem blanken Boden in der Mitte der Bühne. Er blinzelt in die riesige grelle Industrielampe, die wie ein Damoklesschwert über ihm pendelt, zuckt mit den Armen und schließt die Augen. Kurz zuvor hatte Jokaste ihn hier abgelegt und seinem Schicksal überlassen, das ihn alsbald in Gestalt der kriechenden, rollenden Horde der Ödipus–kindeskinder...
