Der Künstler als Allesfresser
Bislang ist die Kulturtechnik des Surfens auf dem Theater definitiv zu wenig gewürdigt worden. Vor viertausend Jahren erfunden von Polynesiern, um 1769 auf Hawaii dokumentiert vom Frühkolonialisten James Cook und seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Kalifornien und an der französischen Atlantikküste praktiziert, entstand in den 1960er Jahren an der US-Pazifikküste eine subkulturelle Szene, ja Weltanschauung rund um den Wassersport, dem die Beach Boys den Soundtrack lieferten.
Ein Prototyp des braungebrannten, blondgebleichten, spaßversessenen Wellenhippies ist der kalifornische Profisurfer Private Lance, dem zu Ehren Colonel Kilgore in Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now» ein vietnamesisches Stranddorf bombardieren lässt. Leider stören die Dämpfe des eingesetzten Napalms die Windverhältnisse so, dass aus dem geplanten Ride nichts wird.
Am Münchner Residenztheater schnappen sich Baal (Aurel Manthei), Freund Ekart (Franz Pätzold) und «Höllengemahlin» Isabelle (Bibiana Beglau) die Longboards und joggen damit in eine dunkle Bühnenecke, nur um sogleich auf einem der beiden großen Screens wieder aufzutauchen, die in Aleksandar Denics atmosphärisch dicht gestapeltem Bühnen-Vietnam ...
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Theater heute März 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Eva Behrendt
Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Demokratie. Immer mehr Bürger gehen auf die Straße wegen des Abbaus sozialer Errungenschaften und gegen eklatante Ungerechtigkeiten. Schon vor dem Wahlsieg von Syriza in Griechenland hatten in der Öffentlichkeit wenige, aber vernehmliche Stimmen gewarnt. Sie hatten argumentiert: Die Demokratie kann scheitern, wenn...
Schon im Foyer des Theaters begrüßt die Besucher Musik aus der guten alten FDJ-Zeit und setzt damit eine erste Duftmarke, was an diesem Abend, 25 Jahre nach der friedlichen Revolution, verhandelt wird: deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Das war dem Theater Görlitz-Zittau sogar einen Schreibauftrag wert: «Indianer». Oliver Bukowski, der 1993 mit «Londn – LÄ –...
Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Und sei es einen intellektuellen. Wenn man Werbeplakate prangen sieht mit einer Frau auf den Schultern eines Mannes, vier goldenen Paketen in der Hand und der Botschaft «Ich kann endlich so lange shoppen, wie ich will», dann ahnt man, wo die Kosten unserer hochtechnisierten Marktwirtschaft liegen: in Innovationen, die zu bloßen...
