Der kommende Schrott
Im deutschen Wald riecht es würzig. Fledermäuse schießen durch die Sommerabendluft, und der aufgehende Vollmond gießt milchiges Licht über die grasbewachsenen Militärflugzeughangars, deren Pforten so aussehen, als fange dahinter die Unterwelt an. Doch der schwarzromantische Schein der Idylle trügt. Im Wald von Neuhardenberg ist die Kunst ausgebrochen.
Ein Muezzin ruft, Schweine brüllen durchdringend in Todesangst.
In den Schuppen und Scheunen am Rande des ehemaligen NVA-Flughafens wird zu Wagnerklängen der Gral bewacht und ein Fisch-Hase verehrt, die Mondlandung gedreht und Demokratie zerstört, ein Huhn nach Afrika verschickt und ein Hitler-Stalin-Pornogezeigt. Christuskreuze und Wohnzimmerlampen markieren den Wegesrand, ein angeknackstes Adorno-Tape definiert vom Lagerhochsitz herab den Kapitalismus, Adriano Celentano plärrt gegenüber «Azzuro», und selbst der «Führer» (Horst Gelonneck) irrt durchs kunsthungrige Publikum von «Odins Parsipark». Nachdem in den vergangenen Jahren der Schauspieler Martin Wuttke für die Stiftung Neuhardenberg mit gehobenem Sommertheater die Berliner Saison eingeleitet hat, lud dieses Jahr Christoph Schlingensief in den Voodoozauberzoo seiner «modernen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es lohnt sich, die Geschichte noch einmal ganz schnell und von vorn zu erzählen. Denn sie beginnt mit einem Motto, das sich die Kunst-Biennale in Sao Paulo für die Ausgabe des vorigen Jahres gab: «Terreiro livre», was frei übersetzt in etwa «Niemandsland» bedeutet und diesen Stadt-Raum akkurat beschreibt. Das Goethe-Institut vor Ort, zentral zuständig für das...
Ekkehard Schall, der fünfundsiebzigjährig in Buckow bei Berlin starb, hat während der gut 40 Jahre (1952–1995), die er am Berliner Ensemble verbrachte, viele große Brecht-Rollen gespielt: den tollkopfigen Sohn Eilif der Mutter Courage (auch im Film von 1958), den Gangster Ui, der aus der brütenden Verklemmtheit durch fanatisierende Autosuggestion sich ins...
An einem bedeckten Sonntagvormittag im Juli auf dem Grazer Hauptplatz. Ein paar Wurstbuden und Cafés haben schon geöffnet, aber das kann nicht der Grund sein, warum sich eine ansehnliche Menschenmenge in Schwarmformation kreuz und quer über den Platz bewegt. Schaut man genauer hin, entdeckt man einen schmächtigen Mann mit Brille, Baskenmütze und blauem...
