Der Grenzgänger

Erinnerungen an Ulrich Mühe

Theater heute - Logo

Das erste Mal begegnete ich Ulrich Mühe persönlich am späten Abend des 3. November 1989, am Tag vor der großen Demonstration der «Theaterschaffenden» in der DDR-Hauptstadt, die schließlich mit dazu beitrug, dass sechs Tage später die Mauer fiel.



Natürlich hatte ich ihn oft auf der Bühne gesehen – im «Mac­beth», im «Egmont», in «Gespenster», zuletzt in Heiner Müllers Inszenierung seines «Lohndrücker» im Jahr 1988, einer hochartifiziellen, unter­gründig auch hochpolitischen Produktion, welche die DDR-Staatsmacht ebenso herausforderte wie die Zuschauer, vor allem jene aus dem Westen, die nicht gelernt hatten, zwischen den Zeilen und hinter den Gesten politischen Sprengstoff aufzuspüren.

Ulrich Mühe war die Inkarnation dessen, was wir im Westen – ein bisschen kurzschlüssig – einen typischen «DDR-Schauspieler» nannten: technisch perfekte Artisten auf dem Hochseil zwischen Spielen und Zeigen, Denkspieler mit Distanz zu ihren Figuren, keine Figurenerfinder, sondern Figurenfinder. Mühe war einer der Besten, weil seine Perfektion tatsächlich ergreifen konnte.

Aber schon in seinen Filmen aus den Achtzigern, vor allem in Bernhard Wickis Produktion «Das Spinnennetz» (1989), für die er im Westen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2007
Rubrik: Akteure, Seite 31
von Michael Merschmeier

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jenseits der Tränen

Wieviele Leben stecken in einem Leben?

Manchem hätte es schon für’s ganze Dasein gereicht, was der gebürtige Ungar György Tabori in seiner Budapester Kindheit, in seinen jungen Jahren in Berlin und dann in der Emigration als Auslandskorrespondent und als Mitarbeiter des britischen Secret Service (Deckname: Captain George Turner) auf dem Balkan, in Istanbul,...

Die Kunst des Zeitsprungs

Andres Müry Die Merteuil in Heiner Müllers «Quar­tett» in Salzburg ist Ihre erste deutsche Theaterrolle seit 1983. Wie fühlt sich das nach einer Pause von 24 Jahren an?

Barbara Sukowa Gut. Ein bisschen Angst hatte ich ja schon. Man weiß, dass inzwischen viel passiert ist, und denkt, oh Gott, vielleicht komme ich aus einer anderen Welt. Vielleicht hab ich den...

Das Lied der Heimat

So sieht also der Himmel aus, jedenfalls der von Psychiater Königsforst, 57, aus Wolfen: Kurz nachdem der doppelte Selbstmordversuch mit Gattin Helga kläglich gescheitert ist, ergreift den Mann ein völlig neues Körpergefühl. Peter Kurth wischt sich den erbrochenen Pillenbrei von der Brille, pumpt die Lungen voll Morgenluft, reißt den mittelbraunen Anzug vom Leib,...