Der geballte Charme des Genozids

Alvis Hermanis zeigt an der Berliner Schaubühne Puschkins «Eugen Onegin», Milo Raus «Hate Radio» rekonstruiert einen Völkermord

Theater heute - Logo

Gar nicht so einfach, das Leben als adelige Jeunesse doree im Petersburg des frühen 19. Jahrhunderts. Die ganze Nacht tanzen und Konversation machen, auf mindestens drei angesagten Bällen, Empfängen, Theatervorstellungen aufschlagen, für jeden das passend elegante Wort finden, maximal geistreich scheinen bei reichlich beschränkter Wissensbasis. Dazwischen Liebschaften am laufenden Band mit behüteten höheren Töchtern oder den unterbefriedigten Ehefrauen des gerontokratischen Hochadels, immer unter erhöhtem Duellrisiko mit Waffen aus der Steinzeit des Bleigießens.

Keinen Morgen vor fünf ins Bett, schlafen bis in den frühen Nachmittag, nicht unter drei Stunden Garderobe, Mittagessen am frühen Abend. Dazu ständige Geldsorgen, die nur zu lösen sind, wenn man sie vollständig ignoriert. Was für ein Stress. Die Lebenserwartung war entsprechend knapp, Puschkin starb mit 38.

Sein «Eugen Onegin» ist ein plaudernd dahinperlendes Erzählgedicht in acht Kapiteln mit je circa 50 Strophen à 14 frei gereimten Zeilen in vierhebigen Jamben. Das lyrische Soufflee und sein sanft ironischer Ton haben Literaturgeschichte geschrieben, zeitgenössische Kritiker priesen seinen Realismus, zumal der Autor ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Christian Rakow: Mit dem Teufel im Schlepptau

In einem halbseidenen Tallinner Nachtclub kommt Estland also ganz zu sich: Alkohol schwängert die Luft und Koks penetriert die Hirne. Beats brummen. Ein Este kracht dem britischen Inspektor Ignatius Stone vor die Stirn: «Die Pest hat uns gefickt. Die Hungersnot hat uns gefickt. Die Schweden haben uns gefickt. Die Deutschen haben uns gefickt. Die Russen haben uns...

Benutz es!

Die Besetzung verblüfft alle: Warum soll ausgerechnet das schüchterne Entlein Fine die nymphomane Camille (eine «ausgehungerte Hyäne») spielen? Immerhin geht es um eine Aufführung in der Volksbühne, die der berühmte Regisseur Kaspar Friedmann mit Schauspielschülern bestreiten will. Darum: Weil Fine einen «Schaden» hat! Und ein Schaden, das ist das Einfallstor für...

Die Rehabilitation

Paulus Manker, Schauspieler und Theater­macher vor allem in Wien, ist seit dem umfas­senden, mit Bildmaterial und Dokumenten reichlich ausgestatteten sowie kompetent kommentierten Theaterbuch über seinen Vater Gustav Manker auch ein passionierter Theaterhistoriker. Ihn treibt die Frage, ob Theaterleute, die 1933 nicht gezwungen waren, ins Exil zu gehen, nur...