Das Risiko zur Frage machen
Die erste Entscheidung war die schwierigste: einem Stück den Titel «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2» zu geben. Als die Uraufführung näherrückte, kamen Anrufe von Journalisten, auch aus dem Ausland. «Rechnen Sie mit einem Skandal?» – «Nö.» – «Aber das wird doch sicher Wellen schlagen, gibt es schon Gegenwind?» Antwort: «Nö.»
CNN hatte sich zum Filmen angemeldet, vorsorglich. Man hätte sie nutzen können, diese Option auf Sturm, dass es Bewegung gebe in der Frage, um die es dem Projekt ging, und dann wäre das – eine «Debatte». Nö.
«Hitler verkauft immer» – das ist die Logik, der die Anrufe folgen. Und dass unserem Stück dieselbe Logik teilunterstellt wurde, das war dann der einzige ärgerliche Gegenwind zu unserem Stück. Aber eigentlich nicht der Rede wert, weil er eine Projektion des Mechanismus Schlagzeile/Auflage auf Theaterprojekte ist. Die man verstehen kann, die aber dennoch nicht greift.
Im Gegenteil: Es ging darum, eine Grenze zu übertreten, die wir für uns selbst sahen – trotz des Risikos einer solchen Debatte und nicht mit den Medien im Blick. Die Grenze bestand darin, beizutragen zur Aufmerksamkeit für so etwas wie Hitlers Buch. Es ging darum, sich eines Common Sense ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 78
von Daniel Wetzel
Bei Shermin Langhoff hängt ein Kunstwerk von Silvina Der-Meguerditchian, auf dem steht «Dert var gelir geçer, dert var deler gider» – es gibt Sorgen, die kommen und gehen, und es gibt Sorgen, die kommen, hinterlassen ein Loch und gehen dann. Diese Löcher untersucht Yael Ronen in ihren Stücken.
Das tut sie wie eine Therapeutin, eine Schamanin, eine Vermittlerin zur...
In alten Dramentheorien wurde die Frage gestellt, was im Zentrum steht, die Figur oder die Handlung. Es war die Zeit, als die Welt zumindest in Theatertexten noch in Ordnung war. Der Autor hatte ein Schauspiel geschrieben mit einem Titel, und im Text erfolgte zunächst das Verzeichnis der auftretenden Personen. Der gut informierte Zuschauer, der später eine...
Was darf die Kunst? Alles! Weil sie ein Privileg ist.
Freiheit braucht Kunst. In der deutschen Gesellschaft kommt Kunst unter anderem die Aufgabe zu, kritisch zu sein. Und Gesellschaftskritik soll in einem demokratischen Gemeinwesen gefahrlos möglich sein: Nach Artikel 5 des Grundgesetzes – «Eine Zensur findet nicht statt» – ist staatliche Vorzensur untersagt.
K...
