Match Cut
In alten Dramentheorien wurde die Frage gestellt, was im Zentrum steht, die Figur oder die Handlung. Es war die Zeit, als die Welt zumindest in Theatertexten noch in Ordnung war. Der Autor hatte ein Schauspiel geschrieben mit einem Titel, und im Text erfolgte zunächst das Verzeichnis der auftretenden Personen. Der gut informierte Zuschauer, der später eine Aufführung besuchte, wusste, was auf ihn zukam oder besser, wer da die Bühne betritt. Bekanntlich ist heute alles anders und niemand weiß mehr, wer er ist.
Ist der Schauspieler eine Figur, oder spielt er einen Kommentar, oder ist er privat auf der Bühne? Selbst der Zuschauer ist sich unsicher, ob er noch gemeint ist, und der Autor weiß schon lange nicht mehr, ob das, was er geschrieben hat, so auf der Bühne zu sehen sein wird, wie es geschrieben steht.
«Ach, Theater!», raunt es leicht verzweifelt. «Warum kann Theater nicht wie Fußball sein?» Aber halt! Der Fußball ist auch nicht mehr so wie früher, fassbar in einfache Formeln, wie «Der Ball ist rund» oder «Das nächste Spiel ist immer das schwerste». In der Startaufstellung waren früher einfach die besten elf Spieler einer Mannschaft. Heute, im modernen Fußball, gibt es ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 160
von Matthias Günther
In Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film «Das 1. Evangelium – Matthäus» fährt die Kamera immer wieder langsam über die Gesichter derer, die gekommen sind, um Jesus zuzuhören. Pasolini hat seine Komparsen in Südtalien gecastet, einfache Männer aus der Basilicata, Hilfsarbeiter, Bauern, Tagediebe. Das Leben und die Sonne haben ihre Physiognomien verschieden geprägt, manche...
Wahrheit und Freiheit unterhalten im aufgeklärten Europa ein höchst verzwicktes Verhältnis. Doch Hakan Denktas, Protagonist in «Kuffar. Die Gottesleugner», kennt den Ausweg aus den Beunruhigungen der Moderne: Er stellt sie still, indem er sie als einfachen Gegensatz begreift. «Ihr sucht die Freiheit. Ich suche die Wahrheit.» Präziser lässt sich die Attraktivität...
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