Das gestürzte Idol

Ibsens «Hedda Gabler» von Karin Neuhäuser am Schauspiel Köln

Theater heute - Logo

Die zuhauf in Zellophan verpackten Blumensträußchen, mit denen das Ehepaar Tesman im seinem neuen Haus begrüßt wurde, erinnern an die Mitbringsel trauernder Massen, niedergelegt zum Gedenken an eine zu Tode gehetzte, sich müde getanzt habende Prinzessin oder an in den Pop-Himmel aufgefahrene Stars.

Ist vielleicht auch Hedda Gabler ein solch früh geende­tes Idol, bewundert und verkannt von den Män­nern und Frauen ihrer Umgebung, ihren Regisseuren und Zuschauern?

Womöglich birgt dies die wesentliche Einsicht von Karin Neuhäusers Inszenierung am Schauspiel Köln: Sie stürzt das Idol und richtet eine Frau in ihrem unlebbaren Widerspruch auf. Nach dem Knall, mit dem sie sich aus dem Leben geschossen hat, ertönt ein offensives Lachen Heddas – sie tritt nach vorn, verbeugt sich und nimmt den Applaus ihrer Bewunderer entgegen. Nur eine Sch(l)uss-Pointe – oder nicht vielmehr Demonstration einer über den Tod hinaus friedlosen Untoten, deren Verächtlichkeit und Rachegefühl für eine Welt, in der sie und an der sie ihr eigenes Ungenügen nicht mehr erträgt, ihr keine Ruhe lässt?

Neuhäuser hat einen zugleich milden und geschärften Blick auf die Figuren. Die werden einem nicht sympathischer, aber ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Andreas Wilink

Weitere Beiträge
Insekt in Bernstein

Über Heiner Müller schreiben, heißt, über einen Verlust schreiben. Heiner Müller, der große deutsche Dich­ter, dem der Zweite Weltkrieg und die DDR historische Prägung waren, hat uns Texte von ungeheurer Wucht geschenkt, mit Figuren, durch die der Riss der gebrechlichen Einrichtung der Welt geht.

Auf den deutschen Bühnen kommen seine Texte viel zu selten vor. Nach...

Kein Entkommen

«Liquidation», erschienen 2003, der letzte der großen Romane von Imre Kertész, auch wenn er in der Buchausgabe nur 142 Seiten umfasst, enthält Teile eines Theaterstücks. Dieses Stück ist die wich­tigste Hinterlassenschaft von B., einem «Schrift­gelehrten», wie es einmal heißt, der sich im Jahr 1999 in Budapest das Leben genommen hat. Eigentlich aber ist das Stück...

Das Fundament

1 Heiner Müllers Stücke werden gegenwärtig wenig gespielt – trotz ihrer unbestreitbaren poetisch-sprachlichen Kraft, trotz ihres großen historischen Atems, den man bei kaum einem anderen neueren Autor findet, trotz der Brillanz seiner messerscharfen Formulierungen. Sie erleiden das Schicksal der ganz aktuellen Zeitung von gestern, die stets als das Älteste...