Bond ist nicht Beckett
Ein brisantes Zeitstück mit 40 Jahren auf dem Buckel schafft es normalerweise nicht mehr auf die Spielpläne, schließlich schreiben aktuelle Zeitmenschen ja genug dieser aufrüttelnden Werke neu. Aber Edward Bonds «Gerettet» taucht doch ab und zu mal auf wie ein seltener Pilz. Das Skandalstück von 1965 um gelangweilte Halbstarke aus proletarischen Familienverhältnissen, die schließlich ein Baby steinigen, scheint als Projektionsfläche für zeitgenössische Verrohung mit jeder neuen Jugendmode illustrierbar.
Außerdem gilt Kindsmord als zeitlos scheußliches Verbrechen und bringt Maddie-mäßig die höchste öffentliche Erregungsstufe. Schließlich aber ist Bonds abgehackte Zermürbungsprosa von Menschen, für die Frust die Krankheit und Aggression ihre Kur ist, mit einigen kleinen Aktualisierungen tatsächlich eine Art Gewalt-Esperanto.
Diese Aktualisierung braucht das Abbild aggressiver Verhaltensmechanik, das Bond hier schroff skizziert, allerdings dringend, um in der Medienrealität aus Gewalt-Metaphern und echter Brutalität noch Gehör verlangen zu dürfen. Im Umfeld von Folter-Filmen wie «Hostel» und Schulhof-Terror, Ausländerhatz durch ostdeutsche Städte und Demütigungs-Fernsehen mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Gattungsbezeichnung verrät eine gewisse Unentschlossenheit. «Ein Theaterabend» hat Tom Peuckert sein neues Stück genannt. «Theaterabend» geht eigentlich immer, außer bei Matineen.
«Elende Väter» zeigt, was der Titel verrät: elende Väter. Sieben Männer treten auf, sie finden sich in einem Wartesaal eines mysteriösen Amtes ein und erzählen einander ihre...
Christian Stückl ist ein sehr intensiver Mensch, das merkt man schon an der Art, wie er raucht. Er zieht nicht nur an der Zigarette, er saugt daran, manchmal mit einem so zischenden Inhalationsgeräusch, dass man den Lungenzug hört. Ungefähr so muss man sich den bayerischen Lockenkopf auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen: gierig alles auf- und in sich...
Kurz nach Aufführungsbeginn flüstert mir Elke Heidenreich ins Ohr: «Ist genau wie beim Lesen. Nach zehn Minuten weiß man, ob ein Buch fesselt oder nicht.» Sie ist gefesselt. Schaut gebannt. Hört mit freudiger Aufmerksamkeit der Musik zu, die das Spiel begleitet, kontrapunktiert, steigert. Sie möchte ganz augenscheinlich am liebsten mit auf die Bühne.
Als wir uns...
