Bis auf die Knochen
In der ersten Szene von Tschechows «Die Möwe» erklärt der arme Dorflehrer Medwedenko der Tochter des Gutsverwalters, Mascha, zum vermutlich x-ten Mal seine große, aber leider völlig unerwiderte Liebe. Mascha weist ihn routiniert, aber freundlich ab. Mit dieser Szene springt Tschechow ansatzlos ins Stück, und sie ist in unzähligen «Möwe»-Inszenierungen als unverbindliches Geplänkel vorübergezogen mit demütigen Medwedenkos, die sich buckelnd ihre Abfuhr holen.
In Jürgen Goschs vorletzter Inszenierung brüllt Christoph Franken, eine korpulente, schwitzende Erscheinung, Meike Droste aggressiv-fordernd an, packt sie dann bei der Liebeserklärung im Nacken und schüttelt sie kräftig durch. Meike Drostes Mascha wundert sich darüber nicht weiter, und wenn sie wieder gerade schauen kann, zieht sie ihre Schnupftabakdose und bietet ihrem Peiniger eine Prise an. Gleichgültiger kann man nicht auf Gewalt reagieren, gewalttätiger einem Liebenden nicht seine Gleichgültigkeit bekunden. Die Sache mit der Tabakdose steht übrigens genauso im Text.
Zu Beginn des zweiten Akts von «Onkel Wanja», Jürgen Goschs vorheriger Inszenierung, kann Professor Serebrjakow, der den Sommer auf seinem Gut verbringt, ...
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Theater heute August/September 2009
Rubrik: Jürgen Gosch 1943-2009, Seite 24
von Franz Wille
1978 «Leonce und Lena», Büchner, Volksbühne Berlin
«Mein Herr, was wollen Sie von mir?» Ein schlaksiger junger Mann im hellen, heruntergekommenen Anzug, die Melone tief ins Gesicht gezogen, hat die Bühne betreten. Auf der leeren, öden Szene, von einer schäbigen Treppe gebildet, die sich im Orchestergraben verliert, ein einsamer Stuhl. Aus einer 08/15-Aktentasche...
Als glotzäugiger Mädchenschlitzer Schrott mit den süßen «Igeln» hat Gert Fröbe 1958 für Generationen von Fernsehzuschauern den Prototyp des Mitschnackers verkörpert. Die Verfilmung eines Dürrenmatt-Drehbuchs unter dem Titel «Es geschah am hellichten Tag» bot mit Fröbe und seinem Gegenspieler Heinz Rühmann zwei einprägsame Modelle für kranke Zielstrebigkeit unter...
Unter den drei Großstädten Sachsens gilt Chemnitz mit wenig mehr als 250.000 Einwohnern noch immer als Aschenputtel. Wahrscheinlich leidet die Stadt noch immer unter dem Nachhall jener leidigen Umbenennung im Jahre 1953, die ihr nicht nur den «Ehrennamen» Karl Marx, sondern auch den Spott der Mitwelt einbrachte, die sich höchstens auf ein schnoddriges «Kalle...
