Besser lügen!

Sind Schauspieler heute «Wirkungsmaschinen», und was könnten «Visionen vom zukünftigen Schauspieler» sein?, fragte eine Tagung der Züricher Hochschule der Künste. Grund genug, über ein paar Menschen-, Welt- und Testbilder nachzudenken. Von Franz Wille

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Drei Tage bevor ich gefragt wurde, etwas über meine «Visio­nen vom zukünftigen Schauspieler» zu erzählen, hat mich ein Performer des Nature Theater of Oklahoma im Berliner Hebbeltheater unrasiert und verschwitzt, wie er war, an meinem Eckplatz in der dritten Reihe aufgesucht, um mich auf den Mund zu küssen. Ich wusste, als er auf mich zusteuerte, ziemlich genau, was mir blüht, weil er gerade dasselbe mit einer älteren Dame aus der ersten Reihe gemacht hatte, und ließ das Ganze auch tapfer über mich ergehen, weil ich mir einfach vorstellte, da küsst dich jetzt eine ganz tolle Frau.

Nun hilft diese Vision von der vielleicht zukünftigen Schauspielerin nicht bei jedem Bart und in jeder Situation, aber sie ist ein guter Einstieg in ein Thema, zu dem ich sonst nie im Leben etwas gesagt hätte. Denn ich finde, dass Theaterkritiker keine Visionen haben sollen. Sie sollen das, was sie zu sehen glauben, so treffend als möglich sprachlich fassen und daraus – so gut sie können – weitere Schlüsse ziehen. Kollegen, die dabei ins Visionäre entgleiten und Dinge sehen, die es (noch) gar nicht gibt, sind mindestens genauso schlimm wie jene, die für immer und ewig zu wissen glauben, was Theater ist ...

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Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Testbild Theater, Seite 144
von Franz Wille

Vergriffen
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