Berlin: Der Mensch als Unmensch
Der erste Tabubruch kommt schon nach fünf Minuten. Sesede Terziyan stellt sich im Gorki Theater bei heller Saalbeleuchtung als Elizabeth Costello vor, eine literarische Figur des Schriftstellers J. M. Coetzee. Dieses weibliche Alter Ego des Autors referiert in dem nach ihr benannten Buch in acht «Lehrstücken» über grundlegende Themen des Lebens, darunter auch das gewalttätige Verhältnis der Menschen zu ihresgleichen, den anderen Tieren.
Im Gorki spricht Terziyans Elizabeth über ihre Identifikation mit Kafkas Menschenaffen Rotpeter, darüber, wie Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung stattfindendes Unrecht ausblenden können und landet beim Vergleich des Holocaust mit der industriellen Massentierhaltung.
«Verharmlosung des Holocaust», tadelten prompt einige Kritiker. Tatsächlich berühren Coetzee und damit auch Frljic ein hochproblematisches Feld der Ethik. Der Vergleich von Menschen mit Tieren erscheint geschmacklos, weil er der Abwertung von Menschen und der Relativierung eines Genozids zu dienen scheint. Dabei könnte man Coetzee auch umgekehrt verstehen: Was, wenn der Vergleich der Aufwertung, also der Würde der Tiere diente? Wären wir alle dann untätige, wegschauende Zeugen ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Eva Behrendt
Es lohnt sich, vor Beginn der Aufführung die Synopsis im Programmheft zu lesen. Da erfährt man, dass das Stück im Jahr 3000 spielt, wenn ein großer Teil der Menschheit längst in Weltraumkolonien ausgewandert ist, während sich der auf der Erde verbliebene Rest mit knappen Ressourcen, geschmolzenen Polkappen und einem «neokommunistischen» System herumschlagen muss....
Krachend fällt der Zivilisationsmüll vom Himmel: Matratzen, Plastikstühle, Zimmerpalmen, Klamotten. Was man eben so gebraucht hat vor der Apokalypse, die eigentlich nur ein schlichter Terroranschlag ist, 117 Tote. Stattgefunden hat er im Sex-Urlaubsclub «Eldorado Aphrodite», in dessen Trümmern ehemals satte, amoralische weiße Mittelstandsmänner umherirren und sich...
«Bara» heißt im ivorischen Französisch einerseits «Arbeit», andererseits «Sex». Zumindest erklärt Franck Edmond Yao diese Doppelbedeutung in «Nana ou est-ce que tu connais le bara?», der Koproduktion von Monika Gintersdorfers europäisch-afrikanischer Performance-Gruppe La Fleur mit der Pariser Bühne MC93 (Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis) und dem Theater...
