Aufmucken gegen einen Popanz
Das Stück ist ein Monstrum. Eine Zumutung. Ein hanebüchener Alptraum mit kruden Setzungen und einer Überdosis Gewalt, Schmerz und Raserei. Ein Trip ins Nichts ohne Fluchtwege oder transzendente Abfederung – und doch erzeugt es auch 400 Jahre nach seiner Entstehung einen Sog, der Zuschauer wie Theatermacher magisch anzieht. Den Lear zu spielen, ist auch heute die Krönung einer Darstellerkarriere und gleichzeitig ein Kraftakt, der im besten Rollenalter kaum noch zu bewältigen ist – Grund, sich dem Schau(er)spiel beizeiten zu nähern.
König oder Bauer
«Look there! Look there!» – Lears letzte Worte prangen mannshoch auf dem rot-weiß-gestreiftem Markisenstoff, der anstelle des eleganten mintfarbenen Samtvorhangs das Jugendstilportal des Schauspielhauses verschließt. Man müsste es nicht zweimal sagen, so hochgespannt waren die Erwartungen auf diese Premiere an den Münchner Kammerspielen; schließlich geistert immer noch die legendäre Vorgängerversion aus dem Jahr 1992, inszeniert von Dieter Dorn in Jürgen Roses edel abgewetztem Vorzeit-Ambiente und mit Rolf Boysen in der Titelrolle, durch das Theatergedächtnis der Stadt.
Nun also wieder «Lear», und wieder führt der Hausherr Regie – man kann ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Silvia Stammen
Eva Behrendt Heike Makatsch, seit drei Jahren stehen Sie regelmäßig im Leipziger Centraltheater als Gast auf der Theaterbühne, unter anderem in der zum TT eingeladenen Inszenierung «Krieg und Frieden». Wer hat Sie dazu überredet – oder wen haben Sie davon überzeugt?
Heike Makatsch Ich wollte tatsächlich schon immer Theater spielen! Aber ich dachte, erst muss mich...
Nein, man muss Dinge nicht selbst erlebt haben, um darüber zu schreiben. Nach allem, was man weiß, hat Shakespeare nie im Wald gelebt, Goethe hat kein Kind getötet, und Brecht war kein Gangster. Wieso also überhaupt einen Gedanken an die Frage verschwenden, ob eine 18-Jährige, die ein – vor allem auch sprachlich – höchst bemerkenswertes Stück über Kindsmissbrauch...
Mit Rolf Michaelis (8. August 1933– 3. April 2013) starb einer der letzten seiner Art: ein echter Feuilletonist. Das heißt: ein Allrounder mit Tiefgang und mit elegantem, leicht lesbarem, nie leicht-fertigem Stil. Er promovierte über Hölderlin, wurde Redakteur im legendären Feuilleton der «Stuttgarter Zeitung» unter Siegfried Melchinger. Gerade mal dreißig, leitete...
