An der Wand
An was ich mich an meisten erinnere, wenn wir «Onkel Wanja» spielen, das sind die Wiederaufnahmeproben vor genau einem Jahr im Haus der Berliner Festspiele. Über ein halbes Jahr hatten wir das Stück nicht gespielt, Gosch hatte gerade «Die Möwe» herausgebracht, und sein Gesundheitszustand war deutlich schlechter geworden. Mein Respekt, wieder vor seinen Augen zu probieren und vor ihm zu spielen, war enorm. So sehr war ich dann doch nicht in seiner Welt, dachte ich, und meine Anspannung vor diesen zwei Tagen war groß.
Die Probe begann, und Gosch griff sofort ein, ihn beschäftigte einzig der Auftrittsbeginn, fünfundzwanzigmal ließ er uns herauskommen, er suchte danach, den Beginn des Spiels so weit nach vorne zu schieben, dass gar nichts mehr nach Beginn aussah; alles sollte schon im Fluss sein, sollte schon da sein, alles war ihm zu spät. Eine große Ungeduld stieg von ihm auf, sofort war die Aufführung von ihm selber attackiert. Er forderte mehr Unzufriedenheit, gröbere Mittel, mehr Beschwerde, mehr ohne Anfang, mehr ohne Ende. Ich war gebannt von diesem Zugriff, und dennoch erschien ich mir fremd in diesem Kontext, Goschs Aura einerseits und diese neue Suche andererseits konnte ...
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I.
Regisseur zum Schauspieler Fang bitte mal an.
Schauspieler spricht einen halben Satz
Regisseur unterbricht ihn Ne, ne, ne. Du musst da ein Komma denken, immer auf Komma denken, Komma denken, du sprichst da nen Punkt, da steht aber kein Punkt, da steht ein Komma, das ist falsch, da auf Punkt zu spielen, da steht n Komma!
Schauspieler spricht weiter
Regisseur...
Schwer zu sagen, ob es sich bei dem virtuellen Star, der da hingebungsvoll über die Bühne der Kaserne Basel rockt, eher um eine Raubkopie von Robbie Williams oder um einen Michael-Jackson-Reinkarnationsversuch handelt. In jedem Fall ist der elastische junge Mann nicht umsonst mit dem entsprechenden Namen «Chris Crocker» gestraft: Das Regie-Trio Victor Moser, Elia...
Wer immer schon genauer wissen wollte, wo das gottverlassenste Ende der Welt wartet, die schlimmste Strafe der Verbannung, der hat jetzt eine konkrete Adresse: die kahle Betonwand von Saal C der Berliner Schaubühne, knapp über Kellerniveau. Dort unten im nackten Halbrund des Bühnenbauchs ist Prometheus mit schweren Ketten angeschmiedet, dort stöhnt und dröhnt Ernst...
