Am katholischen Marterpfahl
Die Wände bilden ein Kreuz – ein metallisch kalt schimmerndes. Die fahrbaren Elemente dieses Drehkreuzes werden in den häufigen Szenenwechseln von jungen schlanken Mädchen verschoben wie Uhrzeiger, die das Vergehen der Zeit und ewige Sisyphos-Anstrengung symbolisieren.
In den Nischen der vier wuchtigen Streben (Bühne Christof Hetzer) wohnen, als wären es Grabkammern, Bernarda Alba und die Ihren: die Mutter, schwarz, streng, aufrecht, Witwe und Braut des Todes, und ihre fünf heiratsfähigen bunten Töchter, die eine Phalanx bilden gegen die Tyrannei der Matrone und selbst noch beim angestimmten «Großer Gott, wir loben dich» aus dem Gesang ausscheren für ein bisschen Himmelreich auf Erden, schon mal einen Charleston-Schritt wagen und sich kokett in hübschen Kleidern drehen.
«Bernarda, dein Mann ist tot!» Mit der Nachricht vom Tod des Gatten und Vaters lässt Hans Neuenfels Lorcas dörfliche Frauentragödie im Kölner Schauspielhaus beginnen. Als bedürfte es dieses hinzugefügten Prologs, als bedürfte es der Axt, mit der Bernarda Alba die nun frei gewordene Hälfte des Ehebetts zertrümmert, um die psychische Ambivalenz von gewonnener Freiheit und sich selbst auferlegter Bindung, ...
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Die Angst, aus dem Zusammenhang zu fallen, plötzlich in der Luft zu hängen, fremd im eigenen Leben, ist wohl eines der am besten verdrängten und doch mächtigsten Traumata unserer hypervernetzten Gesellschaft. Wie besessen klammern wir uns an die Fetische der totalen Kommunikation, wollen ständig online und erreichbar sein, doch hinter all dem lauert die latente...
Was ist los in Stuttgart? Ein grüner Kobold hüpft krakeelend über die Bühne. Will er Operngäste nerven, Ideen repräsentieren, Intensität schüren? Und was läuft da in Berlin? Eine nackte Schönheit balanciert in Wilsonscher Langsamkeit an einem vielbeinigen, auf einer Treppenkonstruktion untergebrachten Alte-Musik-Ensemble vorbei. Gab wohl sonst nicht viel zu sehen...
Der Nihilismus ist auch nicht mehr das, was er mal war. «O glaub mir, es gibt keine Liebe! Alles Eigennutz, alles Egoismus», knallte der Schulprimus der Herzen, Melchior Gabor, seiner Geliebten Wendla beim Heuboden-Rendezvous bis dato immer frühreif an den hübschen Kopf. Heutzutage ist man da pragmatischer. «Du siehst so beschissen gut aus», konstatiert der...
