Wilde Kirschen
In dem hübschen Paradiesgarten, den Andreas Kriegenburg auf der Bühne des Thalia Theaters hinter schweren Käfigwänden angelegt hat, geht es mächtig zur Sache. Unter blühenden japanischen Kirschbäumchen, die sich dekorativ von der blutroten Wand abheben, wickelt sich eine junge Geisha (Katharina Behrens) zu rauen Frauengesängen aus ihren Schärpen und löst ihr hochgestecktes Haar, bis sie, von einem spektakulären Rückentattoo einmal abgesehen, splitternackt auf der Bühne steht.
Ein Mann sieht ihr dabei zu; eine Frau läuft unruhig an der Käfigwand entlang und lässt beiläufig eine Messerklinge gegen die Gitterstäbe klackern, die das Geschehen halb verdecken und in ein rötlich flirrendes Licht tauchen.
Schon gerät man in Versuchung, die gut zehnminütige Exposition zur Bühnenversion von Ingmar Bergmans «Aus dem Leben der Marionetten» als mittelschwere SM-Bordell-Fantasie zu verbuchen. Doch im Lauf des Abends begreift man, dass er ohne die ästhetisierte Gegenwelt einfach nicht funktionieren würde. Es geht schließlich um genau diese Peinlichkeitsgefühle, um schwüle Symbolik, bedrohliche Sexualität und verdrängte Gewalt. Das ganze schreckliche Zeugs also, das man – schon gar live und auf ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Thanksgiving ist das wichtigste Fest im amerikanischen Jahreskreis. Zu Weihnachten gibt es bessere Geschäfte, und am 4. Juli wird das ganze Land feierlich und patriotisch, aber an Thanksgiving versammelt sich die ganze (restliche) Familie und tut so, als wären alle noch Pioniere und der Truthahn nicht aus dem Gefrierfach bei Wal-Mart, sondern in den Wäldern von...
Nimmt man’s genau und nach Homer, steht vor der glücklichen Wiedervereinigung von Odysseus und Penelope ein großes Schlachten: Odysseus tötet die Freier, die sich während seiner 20-jährigen Kriegs- und Irrfahrten zuhause um seine Frau geschart hatten, und die illoyalen Knechte und Mägde gleich mit. Im Hamburger Malersaal, wo Klaus Schumacher in einem vierstündigen...
Schlimmer geht’s nimmer: Debbie Tucker Green verschränkt in «Stoning Mary» drei Elendsgeschichten aus – vermutlich – Afrika: Ein Ehepaar streitet um das einzige Rezept gegen Aids; ein anderes Ehepaar bejammert seinen verlorenen Sohn, der als Kindersoldat kämpfen muss; eine junge Frau – Mary – soll für einen Mord gesteinigt werden und spricht vorher mit ihrer...
