Auch das ist Brasilien: Spielen unter Druck
Buenos Aires, in einem Opernfoyer vor der Aufführung von «La Traviata»: Ein junger Mann bricht zusammen, ein Arzt leistet Erste Hilfe und stellt die Diagnose «chronische Unterernährung». Unter den Umstehenden entzündet sich eine Diskussion darüber, ob man den Wert der Eintrittskarte für diesen Nicht-Privilegierten spenden sollte und über mangelnde Solidarität überhaupt.
Dann löst sich diese Szene von Augusto Boals «unsichtbarem Theater» wieder auf: Ein paar Leute sind davon berührt oder sogar erschüttert, die Akteure ziehen sich als Hungernder, Arzt und Diskutanten zurück – ihr Spiel darf als solches ja gar nicht erkannt werden.
Henry Thorau, Professor für Brasilianische und Portugiesische Kulturwissenschaft und mit vielen Veröffentlichungen und Übersetzungen sozusagen der Apostel Boals in Deutschland, lässt mit dieser Szene seine sehr lesenswerte Studie beginnen. Mehr noch, er bezieht sie auf eine ähnliche Aktion von Béla Balázs’ kommunistischer Agitpropgruppe im Berlin der Weimarer Republik. Aufklärung durch Subversion, das Inszenierte dabei verbergen und den Zuschauer nicht wissen lassen, dass er ein Beteiligter ist. Am ehesten käme man noch auf manche Aktion Schlingensiefs, ...
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Theater heute Juli 2014
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Thomas Irmer
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