Menschen unter Menschen
Was keine Kunst ist, ist ja längst geklärt. Rolltreppe fahren ist keine Kunst. Wändegucken ist keine Kunst. In die Schirn gehen ist keine Kunst. So steht es, bunt auf Beton, seit 2003 groß im Frankfurter U-Bahn-Ausgang «Dom/Römer» an den Wänden, auf die guckt, wer die Rolltreppe hochfährt, um in die Schirn zu gehen. (Oder in den Frankfurter Kunstverein, ins MMK, ins Fotografie-Forum, ins Haus des Buches, ins Haus am Dom, in ein gutes Dutzend anderer Kulturhäuser am Museumsufer – kein anderer deutscher U-Bahn-Ausgang dürfte so schnurstracks in so viel Kunst münden wie dieser.
)
Ob die Werbeagentur Saatchi & Saatchi damals auf mehr als eine billige Pointe zur einfachen Erreichbarkeit der Schirn-Kunsthalle aus und dafür im Zweifelsfall auch bereit war, Lawrence Weiner & Co. über die Plattitüdenklinge springen zu lassen, ist längst unerheblich. Denn die U-Bahn-Treppe ist zu einer Galerie geworden, einem Ort der Irritation, Reflektion, ja Resistenz – durch die Passanten, die hier seit Jahr und Tag ins Grübeln kommen, die die banalen Negierungen in Frage stellen oder sich gar gegen sie zu wehren beginnen. Warum ist gerade Rolltreppe fahren, Runtergehen, Hochschauen, Schwitzen keine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 76
von Matthias Pees
Europa wahrhaftig zu verteidigen bedeutet, die Idee von Europa zu schützen und eben nicht die Grenzen. Konstantin Küsperts Stück kann als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein (europäisches) Engagement gelesen werden. Was macht Europa aus, fragt das Stück, sind es die Werte der Aufklärung, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder ist Europa nur...
Ursprünglich wollte Toshiki Okada Filme machen. Doch nach einer ersten erfolgreichen Theaterregie-Erfahrung mit befreundeten Studierenden gründete er 1997 die Theaterkompanie chelfitsch (Babysprache für das englische «selfish» – also selbstsüchtig, egoistisch). Seitdem schreibt er in seiner Doppelfunktion als Autor- und Regisseur-in-Residence für chelfitsch und...
Ich schreibe aus Rache», bekennt die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell. Aus Rache an ihrer Familie, dem Patriarchat, den Gewaltmechanismen der Gesellschaft. Medium dieser Rache sind Liddells inzwischen legendär gewordenen Hassmonologe, und ihre Waffe ist Liddells eigener Körper. Mit Impuls und Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs...
