Gedankenspiele und Körperfragen
Mit dieser Rede hätte er sich den Rest gegeben, wäre nicht ohnehin schon alles verloren und Dantons Tod längst ein abgekartetes Spiel der jakobinischen Tugendmafia. Der niederländische Film- und Bühnenstar Pierre Bokma bürstet die Titelrolle in Johan Simons’ Büchner-Inszenierung zur Spielzeiteröffnung an den Münchner Kammerspielen ganz gewollt gegen den Strich: als depressive Jammergestalt mit Motivationsblockade und Realitätsverlust.
Bei seinem Verteidigungsauftritt vor dem Revolutionstribunal ist nicht einmal mehr der Schatten des rhetorischen Charismatikers zu erahnen, stattdessen brabbelt ein weinerliches Wrack schluchzend vor sich hin, das sein eigenes Gekritzel selbst mit Brille kaum entziffern kann. Revolutionen entstehen vielleicht im Kopf, doch letztendlich sind sie vor allem auch eine Sache des Körpers. Wenn die Nerven im entscheidenden Moment versagen, bleibt eben auch der Rest auf der Strecke.
Als Georg Büchner Anfang 1835 gerade mal 21-jährig das Drama «Dantons Tod» verfasste, musste er selbst jeden Moment mit seiner Verhaftung rechnen. Die Gründung einer geheimen «Gesellschaft für Menschenrechte» und die Veröffentlichung des «Hessischen Landboten» mit dem ...
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Theater heute November 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Silvia Stammen
Nachdem in Schreibmaschinenschrift die Basis-Informationen zu diesem Aktenzeichen XY …ungelöst auf den eisernen Vorhang getippt worden sind, öffnet sich die Schleuse und gibt Einblick in ein verschollenes Archiv. Ein gigantischer Aktenschrank mit einer unendlichen Zahl von Schubladen reicht bis zur Bühnendecke und darüber hinaus. Gras und Schmutz fällt von oben...
Theater kann man nicht losgelöst von seinem Ort machen», erklärt Piotr Kruszczynski und lehnt sich auf seinem rustikalen Holzstuhl zurück. Seit September 2011 leitet der 46-Jährige das Teatr Nowy in Poznan, ein traditionsbewusstes Haus, mit großem Freundeskreis im älteren und ökonomisch gut situierten Bürgertum. Die Auslastungs–zahlen sind traditionell gut, das...
Kaiserwetter am 28. September. Vorm Berliner Ensemble versammeln sich zu ungewohnt früher Stunde mehrere hundert Menschen, darunter viele Schauspieler, Politiker, Journalisten – Freunde und Verehrer von Otto Sander, der am 12. September verstarb. Polizisten wachen. Fotografen streunen. Zaungäste staunen.
Volles Haus, die mehr als 700 Plätze allesamt belegt: der...
