Ein winziges Vielleicht

Jon Fosse «Winter»

Theater heute - Logo

Mann trifft Frau, Frau trifft Mann. Paar Blicke hin, paar Blicke her, alles klar, du bists, wir sinds. Für heute, für morgen. Vielleicht für ewig und drei Tage. So muss sich das zugetragen haben, einst, als ein paar Blumenkinder die Liebe befreiten und ein Signal der Brunftbereitschaft selten verpasst oder missdeutet wurde. Muss lange her sein. Jedenfalls bevor Jon Fosse Thea­terstücke schrieb und darin das ältes­te Begehren der Welt am Rande der Unmöglichkeit verkümmern ließ.

Nun weht Fosses «Winter» frostig durchs Basler Schauspielhaus.

Ein Zwei­personenstück für Namenlose. Für Frau und Mann: Katja Reinke und Michael Neuenschwander. Den beiden bleibt eine schauspielerische Sternstunde lang Zeit zu zeigen, was Menschen im Endstadium der emotionalen Entfremdung so an Zuneigung zu bieten haben: Liebe ist, wenn sie ankommt und er da­vonstürmt. Wenn sie du sagt, aber sich meint. Liebe ist, was er kauft und sie entäußert. Kurz: Sie ist nicht da, diese Liebe. Auch wenn der Mann, auch wenn die Frau auf sie warten, bleibt sie zuverlässig abwesend. Und dabei Objekt flüchtiger Sehnsucht. Ganz Godot.

Schon Jossi Wielers deutschsprachige Erstaufführung in der Zürcher Schiffbaubox trat den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2006
Rubrik: Chronik, Seite 36
von Stephan Reuter

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wir sind noch mal davongekommen

Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr?», will man mit dem lyrischen Goethe emphatisch ausrufen, wenn einem im Bochumer Schauspielhaus Herzfrequenz-Töne entgegenwummern. Im Dunkeln kauert vor einer hochragen­den, alles beherrschenden Wand Antigone. Der Clou der von Tina Lanik inszenierten Sophokles-Tragödie (Übersetzung Walter Jens) ist die...

Freiheit, auch nur ein Wort

Mannsbilder sind ja so hirnverbrannt. Müssen dauernd imponieren. Am meisten sich selbst. Brauchen Feinde, auf dass sie kämpfen, schlachten, sterben können. Es macht also durchaus Sinn, dass Schillers «Räu­ber!» – denen Regisseur Stephan Rottkamp für seine Freiburger Fassung ein todschickes Ausrufezeichen angedichtet hat – dass diese Räuber eingangs lang und stumm...

Gott, ist das ungeil

Ganz am Schluss heißt es plötzlich im Programmheft: «ja / ja / ja / ja / ja / jajaja / ja / ja / ja / ja / ja / ja / jaaa / mein Gott / ist das geil». Der Titel des Gedichts (bitte laut lesen): «Im Bett», der Autor: Rainald Goetz. Dass diese rundum begeis­terten Zeilen der deutschen Popdichterikone, dass diese nackte Affirmation hinter Max Frisch, Sigmund Freud,...