Wir sind noch mal davongekommen
Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr?», will man mit dem lyrischen Goethe emphatisch ausrufen, wenn einem im Bochumer Schauspielhaus Herzfrequenz-Töne entgegenwummern. Im Dunkeln kauert vor einer hochragenden, alles beherrschenden Wand Antigone. Der Clou der von Tina Lanik inszenierten Sophokles-Tragödie (Übersetzung Walter Jens) ist die Bühne und ist der Chor.
Magdalena Gut legt einen wie rostig geschmirgelten Kasten quer, dessen untere Hälfte sich um die eigene Achse dreht und wie ein Riesenriegel die Tiefe des leeren Raumes abschottet.
Es ist, als würde diese Maschine den Part der Götter übernehmen und nach ihrer physikalischen Gesetzmäßigkeit die Menschen bewegen wie die Olympier die Sterblichen nach den ihnen eigenen Dispositionen.
Auf der Box sowie in ihrem Innern und ihrem Schatten wird gespielt, geklettert, paradiert. In der Längsfläche öffnet sich ein Verschlag: für ein Glück im Winkel, in dem die zur Kleinfamilie Biedermann geschrumpfte (Chor-) Stimme des Volkes gemütliches Beisammensein pflegt. Der Vater, vielleicht Oberstudienrat im altphilologischen Fachbereich (Bernd Rademacher), die ondulierte Hausfrau und Mutter (Manuela Alphons), ...
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In Deutschland haben Musicals eine üble Reputation. Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an den Wahnsinn der Neunziger, als Busladungen voll Touristen sich in Hamburg und Düsseldorf schaurige «Cats»-Inszenierungen anschauten und Andrew Lloyd Webber mehr Schaden an der kulturellen Identität der Deutschen anrichtete als alle Zonen-Gabi-Poster und die Popband Ace of...
Verstaubt? Abgenutzt? Klassisch, also wirkungslos? Mitnichten. Edward Albees Drama zum Geschlechterkrieg, 43 Jahre alt, präsentiert sich in Karin Henkels Düsseldorfer Inszenierung vital wie ein junger Hüpfer, urkomisch, bizarr, grausam, provokant. Gut zweieinhalb Stunden Kampftheater, Pointenschlacht, Nervenkrieg, Seelen-Casting. Ein weiteres Highlight im letzten...
In Bayreuth werden die Wunden geschlagen, und in der Volksbühne sollen sie heilen. Erst kollidiert Schlingensief 2004 planmäßig mit dem Wagner-Establishment und verarbeitet den Crash dann in allerdings einer seiner besten Inszenierungen und Musiktheaterverbesserungsvorschläge, «Krankheit ALS Theater – A. Hipler: Kunst & Gemüse». Im Jahr darauf wird Marthaler vor...
