Akute Nibelungenentzündung

Deutsche Mythen in Berlin und Hamburg: Sebastian Nüblings «Nibelungen» im Gorki Theater, der halbe «Ring des Nibelungen» im Thalia

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Wie sollen wir uns denn heute die Nibelungen vorstellen, diesen ehrpusseligen Burgunder-, beziehungsweise Germanenhaufen mit seinen altdeutschen Sitten und Problemen? Wer darf als erster durch die Domtür? Was bedeuten Männerehre und Treue bis in den Tod? Was ist ein Wortbruch, und wie geht man damit um? Auf eins ist bei Friedrich Hebbel wie Richard Wagner Verlass: Besonders kreativ-flexible Zeitgenossen zieren deren Versionen des vielstrapazierten Nationalmythos erst einmal nicht.

Im Berliner Maxim Gorki Theater hat Re­gisseur Sebastian Nübling eine schnelle, in jeder Hinsicht schlagende Antwort: Das rustikale Schema an Handlungsnormen wird an eine leicht unterbelichtete Straßengang delegiert, vermutlich im mittelschweren Drogenhandel unterwegs, die im großen schwarzen Benz mit wummernder Techno-Mucke (Lars Witters­hagen) durch die Gegend kutschiert. Dass sich die nicht mehr ganz jungen Jungs gerne selbst überschätzen und die Geschäfte nicht immer rund laufen, sieht man auf den ersten Blick: Die S-Klasse, die als einziges Requisit raumgreifend mitten auf der Gorki-Bühne (Eva-Maria Bauer) parkt, ist streng genommen ein Totalschaden nach Großkarambolage mit Symbol-Nummernschild B-RD ...

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Theater heute Dezember 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Franz Wille

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